liebe freunde
nach nunmehr 4 monaten vor ort ist es allerhoechste zeit euch einmal einen beitrag unter dieser ueberschrift und zu diesem thema zuzusenden.
zugegeben, ich habe mich ein wenig gescheut den zum scheitern verurteilten versuch zu unternehmen, dieses an so vielem so uebervolle land auf wenigen seiten zu beschreiben.
aber heute will ich dieses „scheitern“ dennoch auf mich laden um euch dafuer wenigstens ein paar interessante fazetten dieses alten und geheimnisvollen kulturlandes, dieser alten hochkultur aufzeigen zu duerfen.
den grossteil der im folgenden aufgefuehrten faktischen informationen habe ich dem buch „aethiopien“ von katrin hildemann und martin fitzenreiter entnommen (reise know -how verlag, isbn 3-8317-1299-9)
aethiopien, abessinien…
im mittelalter, als die ersten europaeer dieses land erkundeten, wurde es bekannt als das land des geheimnisvollen priesterkoenigs yohannes und jenes, in dem der laengste fluss des planeten, der knapp 6000 km lange nil, seinen ursprung nimmt.
und als ein land dessen christliche tradition aelter ist als die der meisten europaeischen laender und in dem „moorenkoenige“ in vergleichbar verschwenderischem luxus lebten wie ihre europaeischen kollegen.
was weiss man heute ueber ethiopien?
sicherlich, fast ein jedes kind kennt ethiopien als synonym fuer hunger und menschliches leid. viele kennen karl-heinz boehm und haben von seiner in ethiopien taetigen organisation „menschen fuer menschen“ gehoert.
einige erwachsene werden wohl auch vom buergerkrieg wissen, welcher die ehemalige provinz eritrea von ethiopien abgespalten hat und der in den seither vergangenen 8 jahren, wenn zur zeit auch im stadium der waffenruhe, nicht beigelegt werden konnte.
die aeltere generation hat vielleicht auch schon einmal den namen haille salassie (=“macht der dreifaltigkeit“) gehoert, afrikanischer held und letzter der 237 kaiser die seit menelik I., laut ueberlieferung sohn des biblischen koenig salomons, das land regierten.
es wird wohl ausserdem noch ein paar leute geben, die wissen, das ethiopien als einziges afrikanisches land niemals kolonialisiert wurde…
aber sonst?
zugegeben, einigen ist es sicher auch gelaeufig das die hauptstadt addis ababa heisst. darueber hinaus aber, darauf wuerde ich wetten, muesste man in der westlichen welt lange suchen um jemanden zu finden der mehr als teile des eben genannten ueber dieses unbekannte und dennoch jedem bekannte land zu berichten wuesste. ich jedenfalls haette dies vor einigen monaten nicht gekonnt.
was also ist das fuer ein land?
auch nach 4 monaten hier habe ich noch keinen halbwegs tauglichen „stereotyp“ gefunden, der mir beim versuch hilfreich sein koennte, dieses land und seine unglaubliche vielfalt, seine extreme gegensaetzlichkeit, seine zerissenheit und seine so sehr aus zeit und geschichte gerissenheit zu beschreiben.
ja, was ist das fuer ein land, in dem der reisende von hungerleidern bewohnte wuesten erwartet und stattdessen weite, gewaltige, mehr noch, monumentale, von tiefen und tiefsten taelern und graeben durchzogene und von ebenso hohen gipfeln ueberragte (und zumindest in und um die regenzeit) saftigst gruene landschaften vorfindet?
allem voran bevoelkert von in weissen leintuechern verhuellten menschen, schwer beladenen eselchen, kuehen, ziegen und schaafen, die nimmermuede und rastlos, in ewiger wanderschaft so scheint es, von einem ort zum naechsten ziehen…
mit mehr als 1.1 millionen quadratkilometern groesser als spanien und frankreich zusammen tuermen sich hier die semien berge, das dach afrikas, himmelwaerts und finden ihre krone in afrikas 4. hoechstem gipfel, dem 4620m hohen ras dashen.
und ebenso wie sich in dem den groessten teil des landes beherschenden hochland alpine fauna und flora finden, trifft man im verbleibenden tiefland des suedens auf elefanten und giraffen (und alles was der liebhaber afrikanischen tierlebens begehrt) beherbergende savannen, in jenem des westens auf niederschlagsreiche ebenen und dem des ostens auf gluehend heisse stein-, salz- und sandwuesten.
so wie die danakil ebene und -depression. jenem ort, wo die sonst 1200-1800m ueber dem meeresspiegel liegende sohle des afrikanischen grabenbruches auf bis zu 150 m unter dem meeresspiegel sinkt:
vom wilden und bis in die gegenwart von keiner regierung des landes unterworfenen stamm der kameltreibenden und salzbrechenden afar bewohnt, ist diese ehemals vom roten meer bedeckte senke heute eine unwirkliche, apokalyptische landschaft.
eine vor hitze flimmernde weite, in der sich bizarrste felsformationen, salzseen, heisse quellen, steinige ebenen und lavaspeiende loecher wechseln um das bild einer archaischen welt weit vor unserer zeit zu zeichnen.
dies ist der danekil, der heisseste ort unseres planeten (mit temparaturen > 60 grad celsius) in dessen eintoenige und staubtrockene vielfalt nur gelegentlich die einsamen kamelkaravanen der afar und einige verwegene einzubrechen geneigt sind.
was ist das fuer ein land das bis 1974 und davor ueber jahrtausende von kaisern und koenigen regiert wurde? das dann bis 1987 von einer kommunistischen-(unter mengistu haile mariam), bis 1991 von einer uebergangs-und seither von einer -allerdings nur angeblich- demokratischen regierung (unter meles zenawi) beherscht wurde und wird?
es ist ein land indem 82 verschiedene sprachen mit mehr als 200 dialekten gesprochen werden: einmal die nihilosaharanischen wie das kunama, anyah, nuer oder gumuz, zum anderen und vorwiegend aber afroasiatische kuschitischen, omotischen und semitischen ursprungs. letztere mit dem arabischen und hebraeischen verwandt.
hier leben in den provinzen gondar, tigray, wollo,gojam, welaga, illubabor, kaffa(hierher kommt der kaff…ee), gamu-gofa, sidamo, shoa (hier liegt auch die hauptstadt addis ababa), arsi, bale, harar, eingeteilt in 14 sprachgruppen und-regionen, die afar, amahra (mit diesen lebe ich), die agau, oromo, somali, banshangul, gurage, hadiya, kembara, sidamo, wolaita, omo, kaffa, gambella…und viele mehr.
leben in einem land das in so vielem vom rest der welt und seinem informationsfluss und, ja, auch seinem zeitenfluss abgeschnitten ist. leben im jahr 1999 (julianischer kalender), leben ein jahr mit 13 monaten…
hier ist 6 uhr morgends 12 und 12 uhr mittags 6 uhr…und um 7 schlaegt es 1.
und was sind das eigentlich fuer menschen die hier leben?
aeusserst schlank und mittelgross die meisten. hellbraun arabischen bis tief schwarz zentralafrikanischen aussehens bewegen sich die bewohner dieses landes mit einem stolz der seinesgleichen sucht.
ein stolz der sich aus der gewissheit einer langen, grossen und in freiheit verbrachten geschichte speisst.
ein stolz der sich die ueberzeugung ein auserwaehltes volk zu sein nicht nehmen laesst, ebensowenig den zur gewissheit gewordenen glauben das auf diesem vom sudan, von kenia, von somalia, djibuti und eritrea eingerahmten stueck erde nicht nur das wahre kreuz christi seine letzte ruhestaette gefunden hat, sondern ebenso die alttestamentarische bundeslade…und was sollte das eigene auserwaehltsein eindrucksvoller unterstreichen?
von vielen fremden werden die ethiopier als aesthetische und schoene, von manchen gar als die schoensten menschen der welt bezeichnet.
menschen die in manchen landesregionen einen hoechst unortodoxen sinn fuer schoenheit entwickelt haben:
die sich schmuecken, in dem sie loecher in ohren und lippen solange aufspreizen, bis es moeglich ist, in die so entstandenen hautumrahmten raeume beispielsweise teller mit einem durchmesser von bis zu 50 cm einzupassen.
nicht zu sprechen von einer vielzahl an piercings in allen erdenklichen koerperteilen und anderen koerperdekorationen die unsereiner nur als selbsverstuemmelung zu sehen gelehrt wurde.
hier leben:
eltern, die mancherorts ihrem jungen maennlichen nachwuchs lange und klaffenede schnitte in augenbrauen und wangen beibringen, narben die als attraktiv und die maennlichkeit unterstreichend angesehen werden.
eltern, die das genitale ihrer toechter beschneiden, oder-aus unserer westlichen sicht- verstuemmeln lassen.
frauen, die sich kreuze und ringe auf die stirn oder girlandenfoermige linien auf den hals taetowieren. um sich so zu ihrem glauben und ihrer herkunft, ebenso aber auch zu ihrer weiblichkeit und ihrem sinn fuer aesthetik zu bekennen.
oder stammesangehoerige, die in den vielen unzugaenglichen regionen des landes, unberuehrt von politik, wirtschaft und dem weissen mann ein leben fuehren, das sich seit den lebtagen christi nur unwesentlich veraendert hat. hier werden leben gelebt, zu deren tradition es gehoert, sich – von der aussenwelt voellig ungestoert – in regelmaessigen abstaenden zu bekriegen und unbarmherzig zu massakrieren.
eine stammeskultur dieser art ist es, in der man einen gesichtsschmuck, bestehend aus runden, punktfoermig in gesicht und hals der maennlichen stammesvertreter eingebrannten tatoos, findet. dutzende, manchmal weit mehr als hundert. und ein jeder punkt macht attraktiver, denn ein jeder steht fuer einen getoeteten feind.
vor allem aber leben hier menschen die vorwiegend von einem, ihrer kirche und deren verkuendigungen naemlich, gepraegt sind.
die koptische kirche aethiopiens ist ohne zweifel das praegenste und kulturgebendste element diese landes und seiner geschichte. und wer dies als fluch statt als segen zu sehen geneigt ist, wird dafuer und ohne grosse muehe mengen guter gruende finden.
dennoch aber: wo gibt es eine buntere und farbenfrohere kirche, eine kirche die mehr eins ist mit ihrem volk ?
eine kirche deren 180 allgemeinverbindliche fastentage (fuer die strengglaeubigen, priester und ordensleute sind es 250) von einer grossen mehrheit des christglaeubigen volkes befolgt werden. tage an denen bis zur mittagszeit gar nichts, und danach keinerlei nahrung tierischer herkunft zu essen erlaubt ist.
eine uralte religionsgemeinschaft, deren einzigartige in und aus dem fels geschlagene kirchen (mancher mag sie aus indiana jones filmen kennen), deren uralte und riesige kloester, deren weit ab liegende einsiedlerhoehlen, bis heute den selben zwecken dienen wie schon zur bluetezeit konstantinopels.
eine kirche die sich als orthodox bezeichnet, monophysitisch (nur die goettliche statt der goettlich-menschlichen natur christi anerkennend) und nicht kalzedonisch (die beschluesse des konzils von calzedon im jahre 451 nicht anerkennend), und die bis zu zeiten haille selassie’s dem patriarchen von alexandria unterstand. seither allerdings nur noch sich selbst und ihrem glauben an die bibel.
eine bibel, die neben dem apokalyptischen buch enoch auch noch viele apokryphen umfasst und eine glaubensgemeinschaft, in der das vertrauen auf magie und die angst vor dem boesen blick tief verwurzelt ist.
eine kirche deren anhaengerschaft sich auf das peinlichste an die einhaltung vorgegebener regeln haelt und die einhaltung von gottes immer woertlich zu nehmendem wort nicht enden wollend anmahnt, deren vorliebe fuer promiskuitaet und kaeufliche liebe aber keineswegs kleiner ist als anderswo. die an haendchenhaltenden und in zaertlicher umarmung flanierenden und das strassenbild des landes beherschenden maennern keinen anstoss nimmt. in der aber alleinige in den mund nahme des wortes homosexualitaet, der schlimmsten und abartigsten aller suenden, schon als landesverrat gilt.
was also sind das fuer menschen die hier zwischen dem 33. und 48. grad oestlicher laenge und dem 3. bis 18. grad noerdlicher breite ihre im durchschnitt 45 lebensjahre fristen?
knapp 50% davon als ueberwiegend orthodoxe christen, mehr als 40% als muslime, waehrend die verbleibenden 10% noch ueberwiegend traditionell-spiritistischen naturreligionen anhaengen und die ethiopischen juden in den letzten 3 jahrzehnten das land fast vollstaendig gen israel verlassen haben.
menschen deren land bestaendig zu den 5 aermsten der welt gezaehlt wird, immer wieder heimgesucht von hungersnoeten welche in den vergangenen jahrzehnten millionen den tod gebracht haben.
ein land das jaehrlich eine million tonnen nahrungsmittel einfuehrt (15 millionen ethiopier sind auf nahrungsmittelhilfe angewiesen…), dennoch aber fuer seine bevoelkerung nur durchschnittliche 73% der taeglich benoetigten kalorien bereitstellen kann.
ein land dessen BSP pro kopf und jahr bei 95 us-dollar liegt und damit in der selben region wie sein durchschnittliches und jaehrliches pro kopf einkommen.
eines das weniger als 50% seiner bevoelkerung auch nur irgendeine art von zugang zum oeffentlichen gesundheitswesen, nur 24% seiner buerger sauberes wasser und fast niemandem auch nur halbwegs hygienische lebensumstaende bieten kann.
einer bevoelkerung von der die haelfte weiter als einen tagesmarsch (=35km) von der naechsten befahrbaren strasse entfernt lebt. strassen, die weit ueberwiegend schotterpisten und nur zum geringeren teil allwetter-tauglich sind.
ein land in dem ein arzt ohne mittel und medikamente durchschnittlich 35000 menschen versorgen soll.
eine erdregion in der mindestens jeder 12. hiv positiv ist und in der krankheiten wie tuberkulose, toxoplasmose, malaria, kalar azar, lepra, cholera alljaehrlich 100000de toeten. in der aber ebensoviele, wenn nicht mehr, den masern, einem simplen durchfall oder den folgen der unterernaehrung zum opfer fallen.
ja, das tun sie hier.
hier im aermsten land afrikas, in dem es kaum infrastruktur noch industrie, dafuer aber 80% bauern gibt. bauern, die mit mitteln der steinzeit einem kleinen stueck erde das ueberlebensnotwendigste abzuringen versuchen.
ein land dessen hauptexportgut der kaffee gefolgt von ziegenfellen ist…
und wiederum: was ist das fuer ein land auf dessen boden schon ein halbes jahrtausend vor christus das axumitische reich (dessen einflusszone sich bis in den heutigen jemen erstreckte) ein wichtiger und einflussreicher, von rom anerkannter knotenpunkt des handelsweges zwischen indien und der die welt beherschenden antiken kaiserstadt war?
ein land das ab 270 nach christus seine eigenen muenzen praegte und weitere 130 jahre spaeter den glauben an selbigen anzunehmen begann.
dessen koenige und kaiser sich zum stamme david gehoerig, in der direkten nachfolge des koenigs salomons sahen (der mit ihrer koenigin, der koenigin von saba, ein uneheliches kind, menelik, gezeugt haben soll) und sich aus diesem grund den titel „loewe von juda “ verliehen.
ein land das trotz seiner tief wurzelnden christlichen traditionen noch zu lebzeiten des propheten mohamed verfolgten muslimen asyl gewaehrte und seither friedlich mit diesen zusammenlebt. und ueber das der prophet folgendes zu seinen anhaengern sagt: „lasst mir die abessinier in ruhe“. und das tun sie (noch zumindest). auch in zeiten in denen die ethiopische armee gerade (angeblich fundamentalistische) islamistische glaubensbrueder im benachbarten somalia bekaempft.
ein land, dessen in der christlichen orthodoxie beheimatete herscher aus dem stamm der amahra durch die jahrhunderte eine tradition der gastfreundschaft und toleranz dem anderen und fremden gegenueber befuerworteten und im volk verwurzelten, waehrend sie das eigene volk, die eigenen frauen und kinder, knechteten.
und so abermals: was ist das fuer ein land das bis auf das wenige jahre dauernde intermezzo eines italienischen kolonialisierungsversuches als einziges afrika’s immer unabhaengig blieb? auf das sich in den jahren der entkolonialisierung des kontinents so viele afrikanische und afrikanischstaemmige augen so hoffnungsvoll richteten?
es war (und ist es immer noch) das aethiopien des kaisers haile selassie, seines letzten absoluten regenten.
des mannes der in seiner jugend ras tafari (makonnen) hies und dem bis zum heutigen tag so viele schwarze (doch nicht nur) gottgleiche verehrung entgegenbringen und ebenso einen ganzen nach ihm benannten lebensstil.
ihm, in dem sie einen vorreiter, einen heilsbringer und einen erloeser sehen wollten und noch wollen.
ihm, der seine hauptstadt addis ababa (=neue blume) zur hauptstadt afrikas machte, in dem er dafuer sorgte, das hier der sitz der afrikanischen union ihren platz fand. ein sitz der heute, aus einem meer von wellblechhuetten ragend, so symbolhaft verlassen und bedraengt, in den huegeln der hauptstadt steht.
und schliesslich: was ist das fuer ein land das zu den bevoelkerungsreichsten afrikas gehoert, von dem ein jeder schon gehoert und fuer das die meisten schon geld gegeben haben ?
das land das den beinahmen „wiege der menschheit“ traegt nachdem man dort, in der provinz harar des jahres 1974, die nach dem beatles song „lucy in the sky with diamonds“ benannte 2,5-4 millionen jahre alte dame LUCY fand.
eine evolutionsgeschichtliche tante unser aller einer, gehoerig zur gattung „australopithecus afarensis“.
das land von dem bob marley, den fast jeder kennt, so sehnsuchtsvoll singt.
was also, schliesslich und endlich, ist das fuer ein land von dem dennoch und trotz all dessen kaum jemand auch nur irgendein konzept hat und dessen gruen, gelb, rote nationalfarben so oft fuer die (gruen-schwarz-gelben) einer kleinen und unbedeutenden karibischen insel mit namen jamaika gehalten werden?
liebe freunde: obwohl ich erst vor wenigen monaten in dieses wunderschoene, wunder-volle und faszinierende land eingetaucht bin, koennte ich diesen fragenkatalog noch ueber stunden fortsetzen.
was ich aber nicht kann: ihn beantworten.
dennoch nehme ich mir heraus dieser frage „was das fuer ein land sei“ und „was das fuer menschen sind“ eine handvoll ganz eigener und subjektiver erfahrungen entgegenzusetzten. und einige ganz simple wahrheiten. wahrheiten, die ganz einfach „sind“, und erfahrungen, die fuer sich zu sprechen wissen.
aethiopien ist ein land in dem zuvorderst einmal menschen leben. ueber 70 und in 20 jahren wohl ueber 100 millionen.
menschen wie ihr und ich…abgesehen von bei etwas eingehenderer betrachtung vernachlaessigenswerten kulturellen unterschieden. menschen die lachen und weinen, arbeiten und feiern, sich zusammentun und vermehren und all das mit der hoffnung auf etwas glueck, gesundheit und leben.
und menschen die wie wir enttaeuscht werden, leiden, krank sind und sterben. aber nicht wie ihr und ich: sie tun dies in viel, viel groesserer zahl und individueller wahrscheinlichkeit als unsereiner. vergleichbar mit unseren ahnen des mittelalters. und sie tun dies durch fremdes wie durch eigenes zukurzkommen (um nicht, und meines erachtens waere dies auch nicht passend, von „schuld“ zu sprechen).
aethiopien ist auch ein land dessen menschen es auf der einen seite immer wieder schaffen mich (und nicht nur mich) zur weissglut zu treiben:
aufgrund ihres stolzes, ihres haeufig beobachtbaren, angeboren scheinenden hochmutes, der im verbund mit aus westlicher perspektive oftmals ungekannter ignoranz nicht selten arrogant wirkt.
menschen deren nicht seltene apathie, indifferenz und oft bodenlose faulheit, zumindest aus deutschen perspektive, angesichts der eigenen und der probleme des landes, schlicht unverstaendlich sind und mich immer wieder einem gefuehl der sinnlosigkeit jeglichen tuens in diesem land aussetzen.
menschen von denen sich gerade in den staedten viele fremden gegenueber nicht selten ruepelhaft, unsensibel bis diskriminierend, verhalten.
und einiges mehr, das mich, gerade da wo der einsatz aller so wichtig waere, auf arbeit, im ringen um leben und gesundheit anderer zum beispiel, nicht selten darueber sinnieren laesst die faeusste einzusetzten und zu schreien.
zu schreien was die stimmbaender hergeben. und nach feierabend weiter und bis in den traum hinein. aus wut, aus enttaeuschung, aus schmerzhafter desillusion und aus schlichter, purer hilflosigkeit.
aber, und dies ist die andere seite, die seite, die in meiner wahrnehmung weit ueber jener eben genannten steht: dieses land und seine wirkliche kultur (also nicht jene aus der blanken armut und verwahrlosung bzw. dem hochmut ploetzlichen aufstiegs geborene) ist vor allem anderen eine, welche eine vielzahl gastfreundlichster, hoefflichster, demuetiger, kluger, kultivierter und bewundernswert starker menschen hervorbringt.
menschen wie die millionen derer die tagtaeglich noch lang vor beginn des morgends kilometerweite maersche antreten um stunden spaeter wieder mit, dem eigenen koerpergewicht oftmals aequivalenten, lasten an holz, wasser und vielem anderen mehr die eigene (rund-)huette zu erreichen.
die in heartester und dennoch das eigene ueberleben oft nicht sichernder arbeit einem stueckchen, nicht nur ausnahmsweisse zu nasser oder zu trockener, erde, das oft gebrochene versprechen auf eine mahlzeit am tag abzutrotzen versuchen.
menschen wie die zahllosen ungenannten weil unbekannten, die irgendwo in zeit und raum verloren trotz haertesten einsatzes nicht einmal das minimum ihrer hoffnungen erfuellt sehen.
jene vielen die unter den augen einer voellig gleichgueltigen welt taeglich aus 1001em grund ihr leben lassen muessen und die nur selten solche sind die es zuvor leben durften.
oder aber menschen die einfach so und unerhofft teil meines alltages sind:
solche die mich immer wieder, oft schon beim ersten treffen und mit keinem hintergedanken ausser freundlichkeit in ihre huette bitten. die dort zu meinen ehren weihrauch entzuenden, vor meiner nase kaffeebohnen roesten um mir dann feierlich kaffee zuzubereiten und mir von jenem besten anbieten das sich an essbarem in ihrem besitz befindet.
oder jemand wie der alte mann der mich, so oft ihm moeglich, auf dem weg zur arbeit abfaengt um mich, trotz seines steifen beines, den groessten teil des 20 minuetigen weges zu begleiten. der mir dabei unentwegt von sich erzaehlt ohne das ich ein wort davon verstehen wuerde, der „tschermaenie“ sagt und breit grinsend den daumen dazu hebt und daraufhin meine hand in die seine nimmt um sie zu taetscheln. und den ein geradezu heiliger zorn ueberkommt wenn mir die auf dem weg entgegenkommenden schulkinder ruepelhaft und sich belustigend entgegentreten oder gar mit steinchen schmeissen: dann schlaegt sein stock nach rechts und links aus und fuchtelt wild und empoert durch den blauen morgen ueber gondar.
oder jener andere mann gehobenen alters der mir erst gestern wieder entgegenkahm und, als er mich sah, kehrt machte um mich (einmal mehr) die letzten 800 meter bis zum krankenhaus zu begleiten: zu begleiten um seinen schirm ueber meinen kopf zu halten um so der sonne den weg auf mein blankes haupt zu verwehren.
oder menschen wie der verkaeufer der mir die vergessene flasche wasser fast einen kilometer weit nachtraegt oder mir das kilo bananen schenkt weil er meinen 10 birr schein nicht wechseln kann.
unbekannte menschen die mir auf die offene strasse eine tasse kaffe oder ein gebaeck bringen, die drei jungs die mich gestern auf ihrem pferdegespann mitgenommen und dann vor der haustuer abgesetzt haben…
oder mein vermieter der mich taeglich mit einer verbeugung zur arbeit verabschiedet um mich des abend mit einer solchen wieder zu empfangen. einer der sich immerzu nach meinem wohl erkundigt und mich bittet doch etwas zu diesem beisteuern zu duerfen.
und so viele mehr.
menschen wie ihr und ich. nur selbstloser und fuer das geschenk des „naechsten“ offener. dankbarer. dadurch wirklich und tief beglueckbar.
menschen die ethiopier sind, die ethiopien essen, atmen, riechen, sprechen….leben!
menschen die euch heute durch mich von sich und ihrem land erzaehlt haben und euch, seid versichert, stolz geschwellter brust und freundlich eine reihe meist makellos weisser zaehne entbloessend, gruessen.