skandr will heim

wir haben uns jetzt 6 wochen lang nicht gesehen. und ich glaube das ich sogar froh darueber war. zunehemd schmal und abwesend sass er mir waehrend unserer letzten treffen gegenueber. immer dieses unruhige hin und herflackern seiner augen wenn ich mich nach seinem wohl erkundigte und daran anschliessend jedes mal ein ploetzlicher themenwechsel.
ich liess ihn dann auch immer unkommentiert geschehen…
waehrend mir dass durch den kopf geht taste ich mich das stockdunkle treppenhaus des ethiopia hotels nach oben.

warum erst jetzt, warum nicht frueher…vielleicht hat er ja gewartet?

oben angekommen nach rechts, noch ein paar schritte und ich klopfe an skandr’s tuer. das hinter dieser ein leerer, steinerner raum liegt, wuerde mir das hallen meines klopfens verraten, wuesste ich es nicht schon.

stille.
von der strasse her dringen jene geraeusche die so charakteristisch sind fuer diese kleine stadt: hupende autos, laute amarishe musik und dazwischen immer wieder die spitzen schreie singender frauen aus dem tigray. und das brummeln hunderter menschen die da unten auf der abendlichen piazza die geschichten ihres tages austauschen. dazwischen muhende kuehe, bellende hunde.

feuchte haende die da unruhig aneinander spielen, zupfen, kneten und reiben. es sind die meinen.

ich klopfe nochmals, warte und will gerade mit einem gefuehl der erleichterung gehen als ich einen laut aus dem raum hinter der tuere vernehme.
mein herz schlaegt schneller.
langsam erhebt sich jemand. schlurfend naehern sich muede schritte der tuere.
„josef….salamno!“
„skandr, mein freund, salamno…ndemna! schoen dich zu sehen!“
eine luege gleich zu anfang … nein, es ist nicht schoen.

6 wochen und der mensch der da mit grossen mueden augen vor mir steht ist nur noch die haelfte jenes freundes dem ich beim letzten mal gegenueberstand. und als ich ihn an mich ziehe sind da nur knochen.

“ wie geht es dir, mein freund?“

was fuer eine idiotische frage.

“ gut, wirklich gut“ antwortet mir skandr.
dann hustet er. und als er etwas hinzufuegen will hustet er wieder und muss sich einem hustenanfall ergeben der ihn schliesslich zu boden zwingt und das stueck zelluloid vor seinem mund rot faerbt.
da sitzt er, die rechte vor dem mund, die linke stuetzt den rumpf. und dort stehe ich.
dann helfe ich ihm auf und bringe ihn zu seinem bett.
ein verrostetes gusseisernes gestell, darauf eine matraze und ein paar kissen. daneben eine holzkiste auf der eine bibel, eine rolle kloopapier und eine taschenlampe liegen.

erst jetzt merke ich das gar kein licht brennt in skandrs zimmer. dafuer faellt genuegend durch die grossen fenster des alten italienischen hauses die sich zur belebten piazza hin oeffnen. hin zum vibrierenden, brummenden leben der gondaer innenstadt.

ich fasse mir ein herz: „warum luegst du jedesmal wenn ich dich frage wie es dir geht? ich sehe doch das es dir schlecht geht!“
„nein , mir geht es gut!“
„skandr, du hast mindestens 25 kilo abgenommen seit wir uns im dezember letztmalig sahen…sag mir doch nicht das ich blind bin!“
„wirklich…du meinst ich haette abgenommen… wie war nairobi?“

was treibt mich eigentlich hierher? vielleicht will er gar nicht das ich hier bin. einfach so, unangemeldet. will ich ueberhaupt hier sein? aber ist es eine frage des wollens?
nein! denn er ist mein freund…zumindest ein guter bekannter. einer der mir ans herz gewachsen ist. den ich begleite…wohin?
ich kenne die antwort.

„nairobi war toll. echt, ich hab mich auf anhieb in diese stadt verliebt. was fuer ein leben….laerm, farben, gesaenge, tanz, muell, menschen, chaos…ja , es war grossartig!“

skandr blickt mich an und fuer einen augenblick huscht da ein laecheln ueber sein gesicht. dann lehnt er sich in seine kissen zurueck und scheint zu vergessen das ich hier bin. im licht der strassenlampen sehe ich seine augaepfel unruhig hin und her huschen. skandr schluckt und schluckt wieder bevor ihn ein neuer hustenanfall uebermannt.
ich setzte mich zu ihm, setzte mich aufs bett neben den zitternden, erschoepften koerper.

„skandr, bitte, sag mir doch wie es dir geht“.

schon wieder diese angesichts des offensichtlichen geradezu hirnverbrannte frage.

„alles ist in ordnung, josef. ich bin stark. staerke ist alles. ich bin stark.“
„skandr, nimmst du deine medizin noch?“
keine antwort.
„skandr, du hast wieder tuberkulose, warst du beim arzt?“
„tuberkulose…meinst du…wirklich?“

wohin blicken diese augen? wo bist du mein freund, was denkst du?
soll es wirklich wahr sein das ich weiterhin…auch jetzt noch…der einzige bin der um deine krankheit, der um dein dahingehen…wohin?…dein vergehen weiss…ich und menschen in deutschland die dich nicht kennen? menschen denen ich einmal in einem dieser schreiben von dir berichtet habe.

ich nehme seine hand in die meine.
„ja, skandr, du hast wieder tuberkulose und musst einen arzt sehen. und zwar schnell. ich kann dir da nicht helfen, ich hab keine medizin und zu wenig erfahrung in der behandlung…also, es geht dir nicht gut und wenn du wartest wird alles nur noch schlimmer“
„schlimmer?“
wir schweigen.

zu wenig erfahrung in der behandlung…ich darf ja auch nur solche behandeln die dann sterben…sterben… andauernd, immer und ueberall.

„skandr, du musst zum arzt, gleich morgen…versprichst du’s mir?“
„ja, gleich morgen josef. morgen geh ich zum arzt, gleich morgen!“

wofuer kaemfpe ich da gerade ? was sage ich da ohne zu wissen was ich sagen soll? was spricht da aus mir?
das land vielleicht das ich vor einem halben jahr verlassen habe und das mir doch inzwischen so unwahrscheinlich, so unreal…so fern erscheint. das land in das ich bald wieder gehen soll um dann….was?
erzaehlen das waere alles eine ganz tolle und wichtige erfahrung gewesen. und dann ganz fix umschalten, halblang machen und meine reife beweisen indem ich tue was zu tuen ist. examen. doktorarbeit verteidigen. fuehrerschein machen und endlich einmal…ist das meine stimme oder die meines vaters?…geld verdienen. was fuer die rente tuen. man ist schliesslich nicht ewig jung. die zeit laeuft davon….nicht wahr?
nicht wahr skandr?

„skandr…ich habe das gefuehl du bist depressiv…kann es sein das du nicht mehr willst?“
„erzaehl mir von deiner reise der letzten wochen, josef !“
und so erzaehle ich skandr von meiner reise der letzten wochen. er hoert mir zu und fragt nicht.
dann schweigen wir beide und meine gedanken verlieren sich in der geraeuschkulisse vor dem fenster. irgendwann spuere ich dann wieder diese kalte hand die in der meinen liegt.
„kann ich irgendetwas fuer dich tun skandr?“
ich blicke zur seite, blicke ihn an.
als antwort nur das uruhige hin und her grosser pupillen.
er will mir nicht in die augen sehen.
„sag mir wenn ich etwas fuer dich tun kann, ja, hoerst du? sag es mir!“
skandr nickt.

so wie ich wird auch er wissen das ich nichts fuer ihn tun kann…na klar weiss er es…ihn besuchen vielleicht?

„ich komm dich besuchen , okay“
„Wann?“
„wann immer du moechtest….am dienstag oder mittwoch…ja?“
„morgen?“
„morgen kann ich nicht, aber uebermorgen oder mittwoch…da kann ich kommen, machen wir’s so?“
„ja…ja, so machen wir das“
draussen beginnt ein hund zu heulen, irgendwer schreit. gemeinsam sitzen wir auf dem bett, skandrs hand unbewegt und weiter in der meinen.
meine augen bohren sich in die kalte wand gegenueber.
„liest du in der bibel?“
„ja, darin lese ich. jeden tag. wir ethiopier sind sehr glaeubige menschen, sehr spirituell. das ist unser geschenk an die welt. wir wissen wo unser zuhause ist. da, in diesem buch. da steht alles geschrieben. alles ueber unsere heimat. da wird uns gesagt wo unser zu hause ist. deshalb sind wir so stark.“

„so close no matter how far“ war der titel eines der lieblingslieder meiner jugend. ich fuehle das gegenteil…“so weit, egal wie nah“…
wenn du es nur glaubst was du da sagst, wenn du es nur wenigstens fuehlst. dann, dann…ich weiss nicht was dann ist oder ob dann irgendetwas besser ist, aber ich hoffe es.
was hoofen wenn nicht das?
ja,nichts hoffe ich mehr.

„also, ich komm dann am dienstag, okay?“
„ja, mach es gut. bis dienstag dann.“
„und morgen gehst du zum arzt, klar!?“
„ja, morgen“

aethiopien

liebe freunde

nach nunmehr 4 monaten vor ort ist es allerhoechste zeit euch einmal einen beitrag unter dieser ueberschrift und zu diesem thema zuzusenden.
zugegeben, ich habe mich ein wenig gescheut den zum scheitern verurteilten versuch zu unternehmen, dieses an so vielem so uebervolle land auf wenigen seiten zu beschreiben.
aber heute will ich dieses „scheitern“ dennoch auf mich laden um euch dafuer wenigstens ein paar interessante fazetten dieses alten und geheimnisvollen kulturlandes, dieser alten hochkultur aufzeigen zu duerfen.

den grossteil der im folgenden aufgefuehrten faktischen informationen habe ich dem buch „aethiopien“ von katrin hildemann und martin fitzenreiter entnommen (reise know -how verlag, isbn 3-8317-1299-9)

aethiopien, abessinien…

im mittelalter, als die ersten europaeer dieses land erkundeten, wurde es bekannt als das land des geheimnisvollen priesterkoenigs yohannes und jenes, in dem der laengste fluss des planeten, der knapp 6000 km lange nil, seinen ursprung nimmt.
und als ein land dessen christliche tradition aelter ist als die der meisten europaeischen laender und in dem „moorenkoenige“ in vergleichbar verschwenderischem luxus lebten wie ihre europaeischen kollegen.

was weiss man heute ueber ethiopien?
sicherlich, fast ein jedes kind kennt ethiopien als synonym fuer hunger und menschliches leid. viele kennen karl-heinz boehm und haben von seiner in ethiopien taetigen organisation „menschen fuer menschen“ gehoert.
einige erwachsene werden wohl auch vom buergerkrieg wissen, welcher die ehemalige provinz eritrea von ethiopien abgespalten hat und der in den seither vergangenen 8 jahren, wenn zur zeit auch im stadium der waffenruhe, nicht beigelegt werden konnte.
die aeltere generation hat vielleicht auch schon einmal den namen haille salassie (=“macht der dreifaltigkeit“) gehoert, afrikanischer held und letzter der 237 kaiser die seit menelik I., laut ueberlieferung sohn des biblischen koenig salomons, das land regierten.
es wird wohl ausserdem noch ein paar leute geben, die wissen, das ethiopien als einziges afrikanisches land niemals kolonialisiert wurde…
aber sonst?
zugegeben, einigen ist es sicher auch gelaeufig das die hauptstadt addis ababa heisst. darueber hinaus aber, darauf wuerde ich wetten, muesste man in der westlichen welt lange suchen um jemanden zu finden der mehr als teile des eben genannten ueber dieses unbekannte und dennoch jedem bekannte land zu berichten wuesste. ich jedenfalls haette dies vor einigen monaten nicht gekonnt.

was also ist das fuer ein land?

auch nach 4 monaten hier habe ich noch keinen halbwegs tauglichen „stereotyp“ gefunden, der mir beim versuch hilfreich sein koennte, dieses land und seine unglaubliche vielfalt, seine extreme gegensaetzlichkeit, seine zerissenheit und seine so sehr aus zeit und geschichte gerissenheit zu beschreiben.

ja, was ist das fuer ein land, in dem der reisende von hungerleidern bewohnte wuesten erwartet und stattdessen weite, gewaltige, mehr noch, monumentale, von tiefen und tiefsten taelern und graeben durchzogene und von ebenso hohen gipfeln ueberragte (und zumindest in und um die regenzeit) saftigst gruene landschaften vorfindet?
allem voran bevoelkert von in weissen leintuechern verhuellten menschen, schwer beladenen eselchen, kuehen, ziegen und schaafen, die nimmermuede und rastlos, in ewiger wanderschaft so scheint es, von einem ort zum naechsten ziehen…

mit mehr als 1.1 millionen quadratkilometern groesser als spanien und frankreich zusammen tuermen sich hier die semien berge, das dach afrikas, himmelwaerts und finden ihre krone in afrikas 4. hoechstem gipfel, dem 4620m hohen ras dashen.
und ebenso wie sich in dem den groessten teil des landes beherschenden hochland alpine fauna und flora finden, trifft man im verbleibenden tiefland des suedens auf elefanten und giraffen (und alles was der liebhaber afrikanischen tierlebens begehrt) beherbergende savannen, in jenem des westens auf niederschlagsreiche ebenen und dem des ostens auf gluehend heisse stein-, salz- und sandwuesten.
so wie die danakil ebene und -depression. jenem ort, wo die sonst 1200-1800m ueber dem meeresspiegel liegende sohle des afrikanischen grabenbruches auf bis zu 150 m unter dem meeresspiegel sinkt:
vom wilden und bis in die gegenwart von keiner regierung des landes unterworfenen stamm der kameltreibenden und salzbrechenden afar bewohnt, ist diese ehemals vom roten meer bedeckte senke heute eine unwirkliche, apokalyptische landschaft.
eine vor hitze flimmernde weite, in der sich bizarrste felsformationen, salzseen, heisse quellen, steinige ebenen und lavaspeiende loecher wechseln um das bild einer archaischen welt weit vor unserer zeit zu zeichnen.
dies ist der danekil, der heisseste ort unseres planeten (mit temparaturen > 60 grad celsius) in dessen eintoenige und staubtrockene vielfalt nur gelegentlich die einsamen kamelkaravanen der afar und einige verwegene einzubrechen geneigt sind.

was ist das fuer ein land das bis 1974 und davor ueber jahrtausende von kaisern und koenigen regiert wurde? das dann bis 1987 von einer kommunistischen-(unter mengistu haile mariam), bis 1991 von einer uebergangs-und seither von einer -allerdings nur angeblich- demokratischen regierung (unter meles zenawi) beherscht wurde und wird?

es ist ein land indem 82 verschiedene sprachen mit mehr als 200 dialekten gesprochen werden: einmal die nihilosaharanischen wie das kunama, anyah, nuer oder gumuz, zum anderen und vorwiegend aber afroasiatische kuschitischen, omotischen und semitischen ursprungs. letztere mit dem arabischen und hebraeischen verwandt.
hier leben in den provinzen gondar, tigray, wollo,gojam, welaga, illubabor, kaffa(hierher kommt der kaff…ee), gamu-gofa, sidamo, shoa (hier liegt auch die hauptstadt addis ababa), arsi, bale, harar, eingeteilt in 14 sprachgruppen und-regionen, die afar, amahra (mit diesen lebe ich), die agau, oromo, somali, banshangul, gurage, hadiya, kembara, sidamo, wolaita, omo, kaffa, gambella…und viele mehr.
leben in einem land das in so vielem vom rest der welt und seinem informationsfluss und, ja, auch seinem zeitenfluss abgeschnitten ist. leben im jahr 1999 (julianischer kalender), leben ein jahr mit 13 monaten…
hier ist 6 uhr morgends 12 und 12 uhr mittags 6 uhr…und um 7 schlaegt es 1.

und was sind das eigentlich fuer menschen die hier leben?

aeusserst schlank und mittelgross die meisten. hellbraun arabischen bis tief schwarz zentralafrikanischen aussehens bewegen sich die bewohner dieses landes mit einem stolz der seinesgleichen sucht.
ein stolz der sich aus der gewissheit einer langen, grossen und in freiheit verbrachten geschichte speisst.
ein stolz der sich die ueberzeugung ein auserwaehltes volk zu sein nicht nehmen laesst, ebensowenig den zur gewissheit gewordenen glauben das auf diesem vom sudan, von kenia, von somalia, djibuti und eritrea eingerahmten stueck erde nicht nur das wahre kreuz christi seine letzte ruhestaette gefunden hat, sondern ebenso die alttestamentarische bundeslade…und was sollte das eigene auserwaehltsein eindrucksvoller unterstreichen?

von vielen fremden werden die ethiopier als aesthetische und schoene, von manchen gar als die schoensten menschen der welt bezeichnet.
menschen die in manchen landesregionen einen hoechst unortodoxen sinn fuer schoenheit entwickelt haben:
die sich schmuecken, in dem sie loecher in ohren und lippen solange aufspreizen, bis es moeglich ist, in die so entstandenen hautumrahmten raeume beispielsweise teller mit einem durchmesser von bis zu 50 cm einzupassen.
nicht zu sprechen von einer vielzahl an piercings in allen erdenklichen koerperteilen und anderen koerperdekorationen die unsereiner nur als selbsverstuemmelung zu sehen gelehrt wurde.
hier leben:
eltern, die mancherorts ihrem jungen maennlichen nachwuchs lange und klaffenede schnitte in augenbrauen und wangen beibringen, narben die als attraktiv und die maennlichkeit unterstreichend angesehen werden.
eltern, die das genitale ihrer toechter beschneiden, oder-aus unserer westlichen sicht- verstuemmeln lassen.
frauen, die sich kreuze und ringe auf die stirn oder girlandenfoermige linien auf den hals taetowieren. um sich so zu ihrem glauben und ihrer herkunft, ebenso aber auch zu ihrer weiblichkeit und ihrem sinn fuer aesthetik zu bekennen.
oder stammesangehoerige, die in den vielen unzugaenglichen regionen des landes, unberuehrt von politik, wirtschaft und dem weissen mann ein leben fuehren, das sich seit den lebtagen christi nur unwesentlich veraendert hat. hier werden leben gelebt, zu deren tradition es gehoert, sich – von der aussenwelt voellig ungestoert – in regelmaessigen abstaenden zu bekriegen und unbarmherzig zu massakrieren.
eine stammeskultur dieser art ist es, in der man einen gesichtsschmuck, bestehend aus runden, punktfoermig in gesicht und hals der maennlichen stammesvertreter eingebrannten tatoos, findet. dutzende, manchmal weit mehr als hundert. und ein jeder punkt macht attraktiver, denn ein jeder steht fuer einen getoeteten feind.

vor allem aber leben hier menschen die vorwiegend von einem, ihrer kirche und deren verkuendigungen naemlich, gepraegt sind.
die koptische kirche aethiopiens ist ohne zweifel das praegenste und kulturgebendste element diese landes und seiner geschichte. und wer dies als fluch statt als segen zu sehen geneigt ist, wird dafuer und ohne grosse muehe mengen guter gruende finden.
dennoch aber: wo gibt es eine buntere und farbenfrohere kirche, eine kirche die mehr eins ist mit ihrem volk ?
eine kirche deren 180 allgemeinverbindliche fastentage (fuer die strengglaeubigen, priester und ordensleute sind es 250) von einer grossen mehrheit des christglaeubigen volkes befolgt werden. tage an denen bis zur mittagszeit gar nichts, und danach keinerlei nahrung tierischer herkunft zu essen erlaubt ist.
eine uralte religionsgemeinschaft, deren einzigartige in und aus dem fels geschlagene kirchen (mancher mag sie aus indiana jones filmen kennen), deren uralte und riesige kloester, deren weit ab liegende einsiedlerhoehlen, bis heute den selben zwecken dienen wie schon zur bluetezeit konstantinopels.
eine kirche die sich als orthodox bezeichnet, monophysitisch (nur die goettliche statt der goettlich-menschlichen natur christi anerkennend) und nicht kalzedonisch (die beschluesse des konzils von calzedon im jahre 451 nicht anerkennend), und die bis zu zeiten haille selassie’s dem patriarchen von alexandria unterstand. seither allerdings nur noch sich selbst und ihrem glauben an die bibel.
eine bibel, die neben dem apokalyptischen buch enoch auch noch viele apokryphen umfasst und eine glaubensgemeinschaft, in der das vertrauen auf magie und die angst vor dem boesen blick tief verwurzelt ist.
eine kirche deren anhaengerschaft sich auf das peinlichste an die einhaltung vorgegebener regeln haelt und die einhaltung von gottes immer woertlich zu nehmendem wort nicht enden wollend anmahnt, deren vorliebe fuer promiskuitaet und kaeufliche liebe aber keineswegs kleiner ist als anderswo. die an haendchenhaltenden und in zaertlicher umarmung flanierenden und das strassenbild des landes beherschenden maennern keinen anstoss nimmt. in der aber alleinige in den mund nahme des wortes homosexualitaet, der schlimmsten und abartigsten aller suenden, schon als landesverrat gilt.

was also sind das fuer menschen die hier zwischen dem 33. und 48. grad oestlicher laenge und dem 3. bis 18. grad noerdlicher breite ihre im durchschnitt 45 lebensjahre fristen?

knapp 50% davon als ueberwiegend orthodoxe christen, mehr als 40% als muslime, waehrend die verbleibenden 10% noch ueberwiegend traditionell-spiritistischen naturreligionen anhaengen und die ethiopischen juden in den letzten 3 jahrzehnten das land fast vollstaendig gen israel verlassen haben.
menschen deren land bestaendig zu den 5 aermsten der welt gezaehlt wird, immer wieder heimgesucht von hungersnoeten welche in den vergangenen jahrzehnten millionen den tod gebracht haben.
ein land das jaehrlich eine million tonnen nahrungsmittel einfuehrt (15 millionen ethiopier sind auf nahrungsmittelhilfe angewiesen…), dennoch aber fuer seine bevoelkerung nur durchschnittliche 73% der taeglich benoetigten kalorien bereitstellen kann.
ein land dessen BSP pro kopf und jahr bei 95 us-dollar liegt und damit in der selben region wie sein durchschnittliches und jaehrliches pro kopf einkommen.
eines das weniger als 50% seiner bevoelkerung auch nur irgendeine art von zugang zum oeffentlichen gesundheitswesen, nur 24% seiner buerger sauberes wasser und fast niemandem auch nur halbwegs hygienische lebensumstaende bieten kann.
einer bevoelkerung von der die haelfte weiter als einen tagesmarsch (=35km) von der naechsten befahrbaren strasse entfernt lebt. strassen, die weit ueberwiegend schotterpisten und nur zum geringeren teil allwetter-tauglich sind.
ein land in dem ein arzt ohne mittel und medikamente durchschnittlich 35000 menschen versorgen soll.
eine erdregion in der mindestens jeder 12. hiv positiv ist und in der krankheiten wie tuberkulose, toxoplasmose, malaria, kalar azar, lepra, cholera alljaehrlich 100000de toeten. in der aber ebensoviele, wenn nicht mehr, den masern, einem simplen durchfall oder den folgen der unterernaehrung zum opfer fallen.
ja, das tun sie hier.
hier im aermsten land afrikas, in dem es kaum infrastruktur noch industrie, dafuer aber 80% bauern gibt. bauern, die mit mitteln der steinzeit einem kleinen stueck erde das ueberlebensnotwendigste abzuringen versuchen.
ein land dessen hauptexportgut der kaffee gefolgt von ziegenfellen ist…

und wiederum: was ist das fuer ein land auf dessen boden schon ein halbes jahrtausend vor christus das axumitische reich (dessen einflusszone sich bis in den heutigen jemen erstreckte) ein wichtiger und einflussreicher, von rom anerkannter knotenpunkt des handelsweges zwischen indien und der die welt beherschenden antiken kaiserstadt war?

ein land das ab 270 nach christus seine eigenen muenzen praegte und weitere 130 jahre spaeter den glauben an selbigen anzunehmen begann.
dessen koenige und kaiser sich zum stamme david gehoerig, in der direkten nachfolge des koenigs salomons sahen (der mit ihrer koenigin, der koenigin von saba, ein uneheliches kind, menelik, gezeugt haben soll) und sich aus diesem grund den titel „loewe von juda “ verliehen.
ein land das trotz seiner tief wurzelnden christlichen traditionen noch zu lebzeiten des propheten mohamed verfolgten muslimen asyl gewaehrte und seither friedlich mit diesen zusammenlebt. und ueber das der prophet folgendes zu seinen anhaengern sagt: „lasst mir die abessinier in ruhe“. und das tun sie (noch zumindest). auch in zeiten in denen die ethiopische armee gerade (angeblich fundamentalistische) islamistische glaubensbrueder im benachbarten somalia bekaempft.
ein land, dessen in der christlichen orthodoxie beheimatete herscher aus dem stamm der amahra durch die jahrhunderte eine tradition der gastfreundschaft und toleranz dem anderen und fremden gegenueber befuerworteten und im volk verwurzelten, waehrend sie das eigene volk, die eigenen frauen und kinder, knechteten.

und so abermals: was ist das fuer ein land das bis auf das wenige jahre dauernde intermezzo eines italienischen kolonialisierungsversuches als einziges afrika’s immer unabhaengig blieb? auf das sich in den jahren der entkolonialisierung des kontinents so viele afrikanische und afrikanischstaemmige augen so hoffnungsvoll richteten?

es war (und ist es immer noch) das aethiopien des kaisers haile selassie, seines letzten absoluten regenten.
des mannes der in seiner jugend ras tafari (makonnen) hies und dem bis zum heutigen tag so viele schwarze (doch nicht nur) gottgleiche verehrung entgegenbringen und ebenso einen ganzen nach ihm benannten lebensstil.
ihm, in dem sie einen vorreiter, einen heilsbringer und einen erloeser sehen wollten und noch wollen.
ihm, der seine hauptstadt addis ababa (=neue blume) zur hauptstadt afrikas machte, in dem er dafuer sorgte, das hier der sitz der afrikanischen union ihren platz fand. ein sitz der heute, aus einem meer von wellblechhuetten ragend, so symbolhaft verlassen und bedraengt, in den huegeln der hauptstadt steht.

und schliesslich: was ist das fuer ein land das zu den bevoelkerungsreichsten afrikas gehoert, von dem ein jeder schon gehoert und fuer das die meisten schon geld gegeben haben ?

das land das den beinahmen „wiege der menschheit“ traegt nachdem man dort, in der provinz harar des jahres 1974, die nach dem beatles song „lucy in the sky with diamonds“ benannte 2,5-4 millionen jahre alte dame LUCY fand.
eine evolutionsgeschichtliche tante unser aller einer, gehoerig zur gattung „australopithecus afarensis“.
das land von dem bob marley, den fast jeder kennt, so sehnsuchtsvoll singt.
was also, schliesslich und endlich, ist das fuer ein land von dem dennoch und trotz all dessen kaum jemand auch nur irgendein konzept hat und dessen gruen, gelb, rote nationalfarben so oft fuer die (gruen-schwarz-gelben) einer kleinen und unbedeutenden karibischen insel mit namen jamaika gehalten werden?

liebe freunde: obwohl ich erst vor wenigen monaten in dieses wunderschoene, wunder-volle und faszinierende land eingetaucht bin, koennte ich diesen fragenkatalog noch ueber stunden fortsetzen.
was ich aber nicht kann: ihn beantworten.
dennoch nehme ich mir heraus dieser frage „was das fuer ein land sei“ und „was das fuer menschen sind“ eine handvoll ganz eigener und subjektiver erfahrungen entgegenzusetzten. und einige ganz simple wahrheiten. wahrheiten, die ganz einfach „sind“, und erfahrungen, die fuer sich zu sprechen wissen.

aethiopien ist ein land in dem zuvorderst einmal menschen leben. ueber 70 und in 20 jahren wohl ueber 100 millionen.
menschen wie ihr und ich…abgesehen von bei etwas eingehenderer betrachtung vernachlaessigenswerten kulturellen unterschieden. menschen die lachen und weinen, arbeiten und feiern, sich zusammentun und vermehren und all das mit der hoffnung auf etwas glueck, gesundheit und leben.
und menschen die wie wir enttaeuscht werden, leiden, krank sind und sterben. aber nicht wie ihr und ich: sie tun dies in viel, viel groesserer zahl und individueller wahrscheinlichkeit als unsereiner. vergleichbar mit unseren ahnen des mittelalters. und sie tun dies durch fremdes wie durch eigenes zukurzkommen (um nicht, und meines erachtens waere dies auch nicht passend, von „schuld“ zu sprechen).

aethiopien ist auch ein land dessen menschen es auf der einen seite immer wieder schaffen mich (und nicht nur mich) zur weissglut zu treiben:
aufgrund ihres stolzes, ihres haeufig beobachtbaren, angeboren scheinenden hochmutes, der im verbund mit aus westlicher perspektive oftmals ungekannter ignoranz nicht selten arrogant wirkt.
menschen deren nicht seltene apathie, indifferenz und oft bodenlose faulheit, zumindest aus deutschen perspektive, angesichts der eigenen und der probleme des landes, schlicht unverstaendlich sind und mich immer wieder einem gefuehl der sinnlosigkeit jeglichen tuens in diesem land aussetzen.
menschen von denen sich gerade in den staedten viele fremden gegenueber nicht selten ruepelhaft, unsensibel bis diskriminierend, verhalten.
und einiges mehr, das mich, gerade da wo der einsatz aller so wichtig waere, auf arbeit, im ringen um leben und gesundheit anderer zum beispiel, nicht selten darueber sinnieren laesst die faeusste einzusetzten und zu schreien.
zu schreien was die stimmbaender hergeben. und nach feierabend weiter und bis in den traum hinein. aus wut, aus enttaeuschung, aus schmerzhafter desillusion und aus schlichter, purer hilflosigkeit.

aber, und dies ist die andere seite, die seite, die in meiner wahrnehmung weit ueber jener eben genannten steht: dieses land und seine wirkliche kultur (also nicht jene aus der blanken armut und verwahrlosung bzw. dem hochmut ploetzlichen aufstiegs geborene) ist vor allem anderen eine, welche eine vielzahl gastfreundlichster, hoefflichster, demuetiger, kluger, kultivierter und bewundernswert starker menschen hervorbringt.
menschen wie die millionen derer die tagtaeglich noch lang vor beginn des morgends kilometerweite maersche antreten um stunden spaeter wieder mit, dem eigenen koerpergewicht oftmals aequivalenten, lasten an holz, wasser und vielem anderen mehr die eigene (rund-)huette zu erreichen.
die in heartester und dennoch das eigene ueberleben oft nicht sichernder arbeit einem stueckchen, nicht nur ausnahmsweisse zu nasser oder zu trockener, erde, das oft gebrochene versprechen auf eine mahlzeit am tag abzutrotzen versuchen.
menschen wie die zahllosen ungenannten weil unbekannten, die irgendwo in zeit und raum verloren trotz haertesten einsatzes nicht einmal das minimum ihrer hoffnungen erfuellt sehen.
jene vielen die unter den augen einer voellig gleichgueltigen welt taeglich aus 1001em grund ihr leben lassen muessen und die nur selten solche sind die es zuvor leben durften.

oder aber menschen die einfach so und unerhofft teil meines alltages sind:
solche die mich immer wieder, oft schon beim ersten treffen und mit keinem hintergedanken ausser freundlichkeit in ihre huette bitten. die dort zu meinen ehren weihrauch entzuenden, vor meiner nase kaffeebohnen roesten um mir dann feierlich kaffee zuzubereiten und mir von jenem besten anbieten das sich an essbarem in ihrem besitz befindet.
oder jemand wie der alte mann der mich, so oft ihm moeglich, auf dem weg zur arbeit abfaengt um mich, trotz seines steifen beines, den groessten teil des 20 minuetigen weges zu begleiten. der mir dabei unentwegt von sich erzaehlt ohne das ich ein wort davon verstehen wuerde, der „tschermaenie“ sagt und breit grinsend den daumen dazu hebt und daraufhin meine hand in die seine nimmt um sie zu taetscheln. und den ein geradezu heiliger zorn ueberkommt wenn mir die auf dem weg entgegenkommenden schulkinder ruepelhaft und sich belustigend entgegentreten oder gar mit steinchen schmeissen: dann schlaegt sein stock nach rechts und links aus und fuchtelt wild und empoert durch den blauen morgen ueber gondar.
oder jener andere mann gehobenen alters der mir erst gestern wieder entgegenkahm und, als er mich sah, kehrt machte um mich (einmal mehr) die letzten 800 meter bis zum krankenhaus zu begleiten: zu begleiten um seinen schirm ueber meinen kopf zu halten um so der sonne den weg auf mein blankes haupt zu verwehren.
oder menschen wie der verkaeufer der mir die vergessene flasche wasser fast einen kilometer weit nachtraegt oder mir das kilo bananen schenkt weil er meinen 10 birr schein nicht wechseln kann.
unbekannte menschen die mir auf die offene strasse eine tasse kaffe oder ein gebaeck bringen, die drei jungs die mich gestern auf ihrem pferdegespann mitgenommen und dann vor der haustuer abgesetzt haben…
oder mein vermieter der mich taeglich mit einer verbeugung zur arbeit verabschiedet um mich des abend mit einer solchen wieder zu empfangen. einer der sich immerzu nach meinem wohl erkundigt und mich bittet doch etwas zu diesem beisteuern zu duerfen.
und so viele mehr.

menschen wie ihr und ich. nur selbstloser und fuer das geschenk des „naechsten“ offener. dankbarer. dadurch wirklich und tief beglueckbar.
menschen die ethiopier sind, die ethiopien essen, atmen, riechen, sprechen….leben!
menschen die euch heute durch mich von sich und ihrem land erzaehlt haben und euch, seid versichert, stolz geschwellter brust und freundlich eine reihe meist makellos weisser zaehne entbloessend, gruessen.

rechte der frauen

liebe freunde

zum thema frauenrechte habe ich kuerzlich ein recht aufschlussreiches und die motivation zu diesem text lieferndes gespraech mit zinash gefuehrt. zinash arbeitet fuer eine ngo in addis ababa (mit der auch ich inzwischen kooperiere…aber das ist eine andere geschichte)und betreibt seit vielen jahren „women empowerment“…also „staerkung der frauen“.
selbst ist die mutter zweier kinder inzwischen geschieden. auf die frage warum antwortete sie mir nur: er benahm sich „irresponsible“, also verantwortungslos.

viele der aus dem gespraech mit ihr gewonnenen faktischen informationen und meinungen, aber auch einige in meiner bisherigen zeit hier eingefangene „aufgeklaerte“ einstellungen und ideen habe ich im folgenden versucht in ein so in der realitaet nicht gefuehrtes interview zu giessen. um so wichtiger war mir dafuer die best moegliche darstellung der mir zugaenglichen und objektivierbaren realitaet der frau in diesem heutigen aethiopien, dessen leben ich fuer eine kurze weile mitleben und -erleben darf und manchesmal auch muss.

j: liebe zinash, wie ist es um die rechte der frauen in deinem land bestellt?

z: (lacht) welche rechte…schrecklich, josef. wusstest du das ethiopien als das land mit der hoechsten rate sexueller uebergriffe und belaestigung auf frauen weltweit gilt? eine erst kuerzlich gemachte studie geht davon aus, das 30% unserer frauen ihre erste sexuelle erfahrung per vergewaltigung machen. und wenn du mich fragst: es sind eher mehr als weniger.

j: woran liegt eine solche missachtung elementarer menschenrechte in so grosser zahl deiner meinung nach?

z: was meinst du mit elementar…wenn das ein elementares menschenrecht waere dann waere unserem land laengst das element aus dem es lebt genommen…
ihr leute aus dem westen sprecht immer so selbstverstaendlich von elementaren, grundlegenden menschenrechten. die wahrheit ist: so etwas gibt es nicht, wenn es auch schoen waere. menschenrechte muss man sich leisten koennen und wollen. und der erste schritt zu einem es-sich-leisten koennen wird getan, indem in erziehung investiert und ein anreiz gesetzt wird, einer uralten gewohnheitskultur in der die menschen diese landes aber tief verwurzelt sind, den ruecken zu kehren.

j: was ist das fuer eine kultur?

z: in unserem land vor allem eine laendlich baeuerliche. durch die christliche orthodoxie ist diese vollkommen patriachalisch gepraegt und mit wenig als dem menschengedenken alten kampf ums nackte ueberleben vertraut.
hier ist der mann noch ganz der kopf der frau. so sagt es unseren bis heute noch zu um die 70% analphabetischen menschen ja auch die bibel und ebenso und weiterhin der priester der diese auslegt.

j: was bedeutet das konkret?

z: fuer den der die kraft, die macht, das wort hat, den mann also, bedeutet das erst mal: mein ochse und meine kuh sind fuer mein ueberleben am wichtigsten.
wenn die frau stirbt so findet er eine neue. und aufgrund guter beziehungen zum nachbarn oder freund aus kindertagen oftmals auch gleich eine viel juengere, noch unverbrauchte.
wenn das kind stirbt so hat man zum einen vorruebergehend einen esser und schreier weniger im haus und zum anderen ist das zeugen von ersatz ehrensache. so will es das leben, so will es gott.
das bedeutet: gerade in den ueberwiegend laendlich gepragten gegenden unseres landes werden frau und kind nicht selten wie vieh gehalten. oftmals aber schlechter.

j: koenntest du ein wenig zur rolle von frau und mann erzaehlen?

z: die maenner sind, wie schon gesagt, die unumschraenkten herscher der familie. sie leiten das haus… und seine bewohner zur arbeit an. natuerlich helfen auch sie mit, aber in keiner dem arbeitsumfang der frau vergleichbaren weise. natuerlich ist das nicht in jedem haushalt so , aber bei einer grossen mehrheit…da wo der macht keine grenze gesetzt und kein gegengewicht entgegengesetzt wird , da ist vernunft und mitgefuehl nur selten zu hause…
was die rolle der frau betrifft: diese ist praktisch durchweg schwanger. sie gebiert und stillt. sie kocht und fuettert, ihren mann wie ihre kinder. sie holt das holz, sie arbeitet auf dem feld, sie naeht und flickt. wenn der mann des mittags oder nachmittags von seiner arbeit kommt so hat sie diesem die fuesse zu waschen und zu kuessen. das ist alter brauch.
sie hat ihm sein essen zu reichen und gemeinsam mit den kindern abzuwarten bis er gegessen hat. zu sprechen hat sie nur wenn ihr mann sie dazu auffordert.
wenn dieser dann zu bett geht hat sie ihm zu willen zu sein… an dieser stelle will ich auch einen in unserem land weitverbreiteten sexuellen brauch nicht unerwaehnt lassen: das einreiben der vagina mit magnesiumhydroxidpulver oder wenn nicht vorhanden sand: die penetration der so ausgetrockneten vagina gilt vielen maennern als sexueller leckerbissen. und du darfst mir glauben, das sich die maennliche phantasie vieler jahrtausende sich auch noch anderes als eine solche vergleichsweise harmlose wenn auch schmerzhafte technik ausgedacht hat…

j: was geschieht wenn sich die frau weigert?

z: oh, da gibt es viele arten der bestrafung die sich nicht von jenen unterscheiden die auch den kindern in solchen faellen zu teil werden. die haeufigste ist natuerlich die koerperliche:
hand- und faustschlaege ins gesicht, hiebe mit der peitsche oder einem stromkabel auf die weichteile, stockschlaege aufs schienbein.
das verbrennen mit gluehenden kohlen. das schieben von duennen holzstuecken zwischen nagel und nagelbett. nahrungsentzug. arbeitszwang. oder,besonders grausam: der mann entzuendet schillischoten und zwingt die frau den aetzenden rauch einzuatmen.
aber es gibt auch so viele arten psychischer bestrafung. die sind weniger leicht zu sehen und oft auch dem bestrafenden nicht gegenwaertig da „normal“…ja, tatsaechlich eine normalitaet, welche die geringschaetzung der frau in dieser gesellschaft nur unterstreicht: sich belustigen, die frau beleidigen, ihr drohen, sie laecherlich machen, privat wie vor anderen, ihr hausarrest verordnen…

und, last but not least, die vielen arten der sexuellen erniedrigung und des sexuellen zwanges, sei es der eigenen ehefrau oder der frau-egal welchen alters- an sich. aus gruenden der bestrafung, schlechter laune , gewohnheit oder aus solchen die sich nicht selten tief in unserer kultur verwurzelt finden:
an dieser stelle waeren zu nennen die verheiratung der frau gegen deren willen. die verheiratung einer jungen frau mit einem alten mann. die verheiratung eines kindes (ab einem alter von 3 jahren)…das kind wird dann der familie des gatten uebergeben um dort moeglichst gut an dessen erwartungen und familientradition gewoehnt zu werden. um sozusagen im sinne des mannes bzw. dessen familie erzogen zu werden . zwischen dem 10.-12 lebensjahr wird es (das kind) dann dem mann ins bett gelegt. und manchmal frueher.
oder die beschneidung die ja eine mutwillige und partielle zerstoerung der weiblichen sexualitaet darstellt. was nicht heisst die betroffenen wuerden sich dagegen wehren…meist ist das gegenteil der fall: wer will schon freiwillig als nicht beschnittene, als nicht frau gelten. nicht dazugehoeren, ausgestossen sein. besonders in einem land in dem dies bedeutet alles zu verlieren: seine sicherheit, seine zugehoerigkeit und identitaet, sein ansehen und oft auch sein leben.
ausserdem: wieviele hinterfragen schon eine kultur, egal wie ungerecht oder schmerzhaft, die sie als einzige und alternativlos erleben…wahrscheinlich ist ein hinterfragen unter solchen umstaenden gar nicht moeglich…
aber zurueck zum thema der sexuellen unterdrueckung und ausbeutung…ich sprach gerade von einer in der offiziellen kultur verankerten normalitaet. nicht offiziell aber dennoch verankert und normal sind sexuelle und andauernde belaestigung wie auch uebergriffe jeder art. in der schule, der universitaet, am arbeitsplatz oder da wo die meisten frauen sich aufhalten, zu hause.
und natuerlich die eingangs erwaehnten vergewaltigung…in der ehe oder ausserhalb, als mittel der bestrafung oder zum „vergnuegen“. darueber hinaus prostitution und der zwang zu solcher…

j:…das klingt alles sehr grausam… nach folter…das ist die ausnahme…!?

z: ja, das ist folter. aber viele der genannten dinge sind nicht ausnahme sondern regel…und auch die ausnahmen geschehen in grosser, viel zu grosser, regelmaessigkeit, alle im zweistelligen %bereich…. du schaust unglaeubig und das ist auch gut so. aber glaube mir , solches verhalten ist zwar in meinem land inzwischen weitgehend und aufgrund internationalen druckes, wie beispielsweise die weibliche beschneidung (abtrennen der grossen schamlippen und der klitoris von der vulva), per gesetz untersagt, aber es gibt (auch in der politik) wenige die sich darum kuemmern. zum einen ist da niemand der die einhaltung dieser gesetzte ueberwachen wuerde und zum anderen beschwert sich ja kaum jemand…wo kein klaeger da kein richter

j: warum nicht?

z: nun, man weiss nur was unrecht ist wenn man das recht kennt. in grossen teilen meines landes ist die fast absolute macht des mannes ueber die frau das seit jahrtausenden praktizierte recht…oder sollte ich unrecht sagen…aber welchen unterschied macht das (lacht)…
mann wie auch frau kennen es nicht anders. wuerde man die frauen fragen, ich bin mir sicher, das sich die meisten nicht als ungerecht behandelt bezeichnen wuerden. im westen bezeichnet ihr das als das „battered women(=“misshandelte frauen“) syndrom“: den umstand das die gepeinigte auch noch versucht ihren peiniger zu verstehen, rechtzufertigen und nicht selten auch noch zu lieben, waehrend sie die schuld fuer die ihr zuteil gewordene behandlung bei sich selbst sucht.

j: wie kann es zu so einer kultur…ich sollte besser unkultur sagen, kommen?

z: eine frage die ich natuerlich aufgrund ihrer komplexiteat und meinem im angesicht dessen sehr geringen,vor allem soziologischen, wissen nicht beantworten kann. aber ein grund , und ich sage das obwohl ich selbst christin bin, scheint mir die art unseres bibelglaubens in diesem mit aeltesten aller christlich gepraegten laender.
es ist dieser glaube an die eine, unverrueckbare, zeitlose und keiner interpretation zugaenglichen wahrheit. wenn du mich fragst, dies ist das opium des volkes von dem karl marx gesprochen hat.
es sind als pseudorechtfertigung herangezogene saetze wie der eingangs erwaehnte vom mann als dem kopf der frau und von der frau als des mannes untertan und als aus seiner rippe geschaffenes wesen.
es ist dieser kranke aber auch in den kirchen des westens beheimatete glaube , das die sexualitaet der frau die suende gebiert . das sie werkzeug des teufels und verfuehrer des eigentlich das gute suchenden mannes ist und deshalb schlecht und verdammenswert sei….zumindest wenn die maennliche kontrolle sie nicht in die rechte bahn zu leiten vermag.
weisst du, auf diese art zu denken geht doch auch eine unsitte wie die weiliche beschneidung inklusive der entfernung der klitoris zurueck: der frau die freude an der sexualitaet nehmen. dann kommt sie nicht auf „schlechte“ gedanken, dann verhaelt sie sich nicht aufreizend und verschuldet so wie einstmals eva die suende des mannes …
ganz anders natuerlich der mann und seine zum weiterbestand der menschheit notwendige lust auf sexualitaet…
aber natuerlich werden auch die maenner hier nicht im geiste der natuerlichkeit sexuellen miteinanders aufgezogen und ich glaube das dieser umstand , gepaart mit der ihnen gegebenen macht ueber die frau, die sich vor allen dingen aus koerperlicher ueberlegenheit und der angesprochenen „tradition“speisst, an einem grossen teil der sich im geheimen tagtaeglich ereignender perversitaeten und grausamkeiten schuld traegt…
ja josef, es ist pervers.

j: zinash…du selbst engagierst dich seit jahren in der ethiopischen frauenbewegung und versuchst deinen „landsfrauen“ zu mehr emanzipation und recht zu verhelfen…kannst du mir in den grundzuegen von dieser deiner arbeit bzw. ihrem alltaeglichen gesicht berichten?

z: gerne…also…vor einigen jahren habe ich mit einigen gleichgesinnten und nach indischem vorbild mit dem „female empowerment“ begonnen. nicht nur frauen sondern auch maenner waren und sind bis heute in dieser gruppe.
zuerst haben wir damit begonnen frauen auf dem land wie in der stadt auf ihr leben, ihre erwartungen und hoffnungen bzw. deren erfuellung anzusprechen.
lass mich kurz genauer auf diese ersten anfaenge eingehen:
zu beginn haben uns die meisten nur angeschaut als waeren wir verrueckt…erwartungen, hoffnungen, wuensche ???
du musst dir vorstellen das ihnen diese art zu denken bzw. ueber so etwas nachzudenken genauso fremd war wie ihr leben fremdbestimmt.
wir haben diese frauen dann mit dem leben von frauen in anderen kulturen konfrontiert und sie gefragt, was sie davon halten. die meisten konnten auf diese und solche fragen gar nicht antworten und erst mit der zeit wurde uns klar das dies nicht nur an ihrer fehlenden meinung zum thema lag, sondern an ihrer unfaehigkeit diese, wenn vorhanden, in worte zu kleiden. gar nicht zu sprechen von den emotionen die die meisten ueber kurz oder lang ueberkahmen…
josef, ich glaube ich habe in meinem leben wenig gesehen das mich mehr angeruehrt hat als diese ersten augenblicke wenn erwachsene menschen ploetzlich erkannten das man sie erstmals wirklich wie menschen behandelte. das sie nach ihrer meinung , nach ihren hoffnungen, nach ihren gefuehlen und verletzungen befragt wurden und sich auf einmal mit einem genuinen, authentischen interesse ihres gegnuebers konfrontiert sahen…
weisst du, die meisten werden erst unruhig, blicken zur seite, beginnen an sich und ihrer kleidung herumzunesteln, stehen auf und laufen unruhig auf und ab…und auf einmal dann kommt da ein schluchzen und man hoert sofort das es von tiefer nicht kommen koennte. und dann beginnen die traenen zu laufen und die meisten laufen erst mal davon. aber , einmal an diesem punkt, kommen sie fast alle wieder.
nun, es ist ein thema fuer ein buch…du fragtest nach unserer praktischen arbeit…zuerst also die soeben erwaehnte phase der bewusstmachung.
danach beginnen wir mit dem „empowerment“: wir bieten den frauen deeskalationskurse an um dem wuetenden ehemann bei bedarf unverletzt zu entkommen.
kurse in freier rede um dem mann etwas entgegnsetzten zu koennen und um ein gefuehl und bewusstsein fuer sich selbst und die eigenen (verbalen) faehigkeiten zu entwickeln.
referenten und referentinnen kommen und sprechen zum thema. und frauen die all das auch erlebt haben und es hinter sich lassen und neu beginnen konnten.
aber wir schulen die frauen auch in anderen faehigkeiten. einmal um ihr selbstbewusstsein zu foerdern, aber auch um ihnen ein kleines zubrot zu ermoeglichen, denn eigenes geld wird den wenigsten von ihren maennern ueberlassen.
wir bieten ihnen die raeumlichkeiten um sich zu treffen, miteinander zu sprechen, zu arbeiten und zu sein. wir bieten ihnen auch kleine kredite fuer gemeinsame und der sache dienliche projekte an…
all das geschieht in sogenannten regionalen verbaenden deren staerke zwischen 20 -200 frauen liegt.
wir organisieren dann auch ueberregionale gruppen wofuer ein jeder regionaleverband eine vertreterin waehlt. diese ueberregionalen verbindungen treffen sich dann zu regelmaessigen treffen, veranstalten workshops in denen sie die arbeit der „regionalen“ vorstellen und laden vertreter aus politik und presse ein…
na ja, es ist schwer das in wenige worte zu pressen…aber so und so aehnlich versuchen wir der frauenrechtsbewegung in diesem lande auf die beine zu helfen.

j: ist das gelegentlich auch gefaehrlich, erhaltet ihr drohungen von solchen die nur ungerne sehen das eure arbeit der anfang vom ende ihres angenehmen und wiederspruchsfreien lebens sein koennte?

z: natuerlich.

j: du hast mir jetzt vieles zur lage der frauen und deiner arbeit um diese zu verbessern erzaehlt. ich wuerde abschliessend gerne etwas persoenlicher werden und dich frage: zinash wie geht es dir als frau und ethiopierin mit und in dem worueber wir uns in den letzten beiden stunden unterhalten haben?

z: eine schwere frage…oft bin ich viel zwiespaeltiger in dem was ich tue als man aufgrund meiner nach aussen getragenen klarheit und direktheit denken koennte.
weisst du: vieles von dem mir mein kopf sagt das es falsch ist und ungerecht, kann ich dennoch irgendwo und -wie verstehen und nachvollziehen. ich bin ja teil dieses landes und komme aus ihm. ich kenne die art zu denken und zu fuehlen die hinter so vielen dingen die dir wahrscheinlich archaisch und barbarisch scheinen steckt…und ein teil von mir kann sich, auch wenn ich das nicht will, mit ihnen identifizieren, mehr noch , denkt manchmal genauso.
und so muss ich um vieles erst in mir kaempfen und es be- und niederkaempfen, bevor ich das faehig bin und die noetige kraft habe das not-wendige auch im um- mich- herum und fuer und mit anderen zu tuen. ja, auch ich bin „battered“…und manchmal hoere ich eine verfuehrerische stimme in mir zufluestert die dinge doch einfach zu belassen und mich ein- und unterzuordnen. aber nur manchmal…

j: gibt es bei dem was du tust einige grundsaetze die dir besonders wichtig sind?

z: besonders wichtig ist mir dieses ringen um ein vorwaertskommen nicht zu einem kampf mann gegen frau zu stilisieren. nein, das darf es nicht sein. es ist ein kampf um gerechtigkeit, um gleichheit. ein kampf fuer eine benachteiligte und zurueckgelassenen menschengruppe. ein kampf der nur gewonnen werden kann wenn er unabhaengig vom geschlecht, gemeinsam gefuehrt wird. und es sind ja nicht nur die frauen die durch eine solche gesellschaftsordnung benachteiligt werden, sondern ebenso auch die maenner.
es geht mir also darum menschen zu helfen und damit auch meinem land:
ein land das mehr als jedes andere auf seine ressourcen angewiesen ist…besonders auch die menschlichen. und was tun wir: wir leben eine kultur die sich der haelfte ihres menschlichen kapitals beraubt. die fast 40 millionen frauen meines landes fallen als kognitive, kreative und in dingen der gesellschaftsentwicklung partizipative quelle aus. wir rauben uns damit selbst die kraft und perspektive…und wieviel mehr uns durch die so wichtige gleichberechtigte interaktion der geschlechter verloren geht wage ich gar nicht abzuschaetzen…da wird ein nicht zu hoch einzuschaetzender schatz fuer das land und seine entwicklung einfach ignoriert. mit fuessen getreten!
und so viele die jedes jahr und teuer dafuer bezahlen…
und, eines noch, ganz wichtig fuer mich: in allem was ich tue mich immer wieder in toleranz zu ueben…das ist oft das schwerste.

j: wie meinst du das?

z: nun, wenn ich von toleranz spreche dann meine ich die wirkliche toleranz im sinne des wortes: etwas ertragen, erdulden, mich in der faehigkeit zu ueben dinge zu erleiden, mitzuleiden. das gegenteil also von „macht was ihr wollt, es kuemmert mich nicht“.
weisst du, so oft traeume ich davon die macht zu besitzen die dinge nach meinem gusto zu aendern, jene zu strafen und zu zwingen die dem was ich als menschenrecht verstehe entgegenstehen. und das jetzt zu tun satt mich mit der quaelenden langsamkeit der veraenderungen abfinden zu muessen. mir immer und immer wieder sagen zu muessen: hab geduld.
aber natuerlich weiss ich das genau dies der falsche weg waere: durch zwang erreicht man fast immer nur das gegenteil.
und deshalb und weil mich diese dinge so sehr bewegen und mir nicht egal sind uebe ich toleranz : ich mache mich gemein mit der von so vielen frauen ertragenen ungerechtigkeit und beginne so an ihr mitzutragen. ebenso versuche ich mich hineinzudenken in etwas das ich eigentlich verurteilen und bestrafen moechte: das maennliche denken das zu den von uns angesprochenen ergebnissen fuehrt.
und so wird die oft furchtbar schwere und schmerzhafte toleranz zur aus meiner sicht einzig moeglichen grundlage die dinge zu veraendern und in einen dialog, der auf verstaendnis der umstaende und ihrer gruende und zusammenhaenge basiert, einzutreten. denn es ist eben das „mittragen“ durch das ich beginne zu verstehen. und dadurch gewinne ich das so elementar wichtige vertrauen derer die ich da begleite. und mein so gewonnenes verstaendnis hilft mir jene worte zu finden die zur saat fuer ein neues denken in jenen frauen werden denen ich zu helfen versuche.

j: zinash, danke fuer das gespraech, danke fuer deine offenheit!

Probleme der Krankenversorgung

liebe freunde
im folgenden moechte ich euch in einem fiktiven interview mit einigen der draengensten probleme in der krankenhausversorgung der ethiopischen bevoelkerung (am beispiel gondars) vertraut machen. grundlage dieses artikels sind zahlreiche in den vergangenen monaten mit aerzten, pflegern und patienten gefuehrte gespraeche.
auch euch duerfte klar sein, das eines der groessten probleme hier natuerlich der eklatante mangel an jeglichen fuer diagnostik und therapie notwendigen geraetschaften und medikamenten ist.
neben dieser der armut zuschreibbaren problematik gibt es allerdings vieles , welches , nuechtern betrachtet (so zumindest ist man zu sagen versucht) besser, oft viel besser sein und funktionieren koennte. und zwar ohne finanzielle oder anderweitige hilfe von aussen.
koennte, es aber nicht tut. . die ursachen hierfuer (wie sie sich aus den augen der in diesem land lebenden darstellen ) sollen mich im weiteren interessieren.
vorab und in stichpunkten einige jener von mir observierter probleme an denen sich meine fragestellung im folgenden orientiert.

-aeusserst buerokratische und uneffektive verwaltung
-schwer nachvollziehbare gesetzgebungen im gesundheitswesen
-mangel an aerztlichem und pflegepersonal und noch groesserer mangel an motivation und einsatzwillen des vorhandenen
-eklatante zukurzkommnisse in seuchenpraevention und krankenhaushygiene
-ein weit ueberwertiges eigeninteresse welchem sich jenes von auszubildenden und zu therapierenden unterordnen muss
-keinerlei qualitaetskontrollen, keine sanktionierung von fahrlaessigkeit, keine belohnung von leistung
-eine hierarchie in der verantwortung stets nach oben dirigiert wird

josef: lieber dr.o., in der abteilung der inneren medizin liegt seit wochen ein 16 jaehriger patient mit zusammengefallener lunge . die wahrscheinlichkeit, das diese durch seither in gang gekommene entzuendliche prozesse inzwischen soweit geschaedigt ist, das sie kuenftig nur noch teilweise oder gar nicht mehr funktioniert, ist hoch. ebenso die wahrscheinlichkeit das der tuberkulosekranke junge aufgrund der nicht gewaehrten hilfe stirbt. wie kann es sein das nach all diesen wochen noch niemand auf die idee gekommen ist dem patienten die notwendige drainage zu legen?

o:ja, das ist nicht immer ganz so leicht. es gibt da viele animositaeten zwischen aerzten der inneren und der chirurgischen abteilung. fuer die drainagelegung beispielsweise sind die chirurgen verantwortlich.die erwarten zumallerdings das wir den patienten zu ihnen bringen. wir aber sagen die drainage kann auch im bett gelegt werden und die chirurgen sollten deshalb zum patienten kommen.
die herren operateure wollen uns ausserdem die zeit und den tag vorschreiben, tuen gerne so als seien sie die einzigen die arbeit haetten und deren arbeit sinnvoll sei. ausserdem gibt es einige persoenliche abneigungen zwischen mitarbeitern der beiden disziplinen.

j: und solcherlei gruenden wird die gesundheit oder gar das leben von patienten geopfert?

o:was soll man machen? menschen sterben hier staendig, sodass dieser umstand die angestellten des hospitals sicherlich nicht davon abbringt fuer die zustaende und veraenderungen zu kaempfen fuer die sie glauben kaemfen zu muessen.

j:das mag so sein. aber es scheint mir oft als gaebe es viele die fuer die eigenen belange kaempfen oder besser gesagt fuer diese dauerhaft die arbeit niederlegen,waehrend kaum jemand fuer diejenigen einzutreten bereit ist welche hilfe und unterstuetzung aufgrund ihrer hilflosigkeit am meisten benoetigen.

o:das kann ich nicht so sehen. letztendlich wirkt sich eine groessere zufriedenheit der angestellten doch auch auf die qualitaet der krankenbehandlung aus. und zwar positiv. das unzufriedenheit der angestellten eines krankenhauses letztendlich auf kosten der patienten geht ist ungluecklich und bedauerlich, aber teil einer unumgaenglichen realitaet.
sind an der front verhungernde soldaten denn etwa dafuer verantwortlich das sie ihr land nicht verteidigen koennen? …natuerlich nicht!
die kritik muss sich also an jene richten, die versaeumen, ihrer verantwortung, jene zu befrieden die die arbeit machen, gerecht zu werden.

j:wer ist also verantwortlich wenn sich chirurgen und innere mediziner streiten, wenn aerzte nicht auf arbeit erscheinen und in der folge unerfahrene interns im ersten praktischen jahr die arbeit alleine machen muessen? oder wenn pfleger 7 von 8 arbeitsstunden schlicht gar nichts machen, obwohl die station vor kritischen patienten, die in den eigenen exkrementen faulen, schier aus allen naehten platzt?

o:all das mag so zutreffen. aber der fisch beginnt bekanntlich am kopf zu stinken. also ist, wie ich eben schon sagte, in erster linie der verantwortlich, der es versaeumt, die in vorderster linie arbeitenden angemessen zu entlohnen.

j:wo dann beginnt der kopf des gondarer universitaetsfisches?

o:einmal im ausland . bei den laendern die uns geld ueberweisen um billig aerzte auszubilden um sich dann an der erfolgten produktion zu laaben. wir bilden in ethiopien inzwischen mehr aerzte aus denn je und haben dennoch weniger als je zuvor, ungefaehr 2000 fuer 70000000. in new york soll es mehr ethiopische aerzte geben als in ethiopien.
aber auch bei den auslaendischen organisationen die durch bessere finanzielle mittel unsere aerzte koedern und dann sonstwo in afrika einsetzten. ..denn kein arzt ist billiger zu haben als einer aus dem aermsten land des kontinents.
und ebenso bei unserer regierung die sich die aerzte zum feindbild gemacht hat .

j: warum zum feindbild, sind nicht beide „parteien“ aufeinander angewiesen?

o:natuerlich und deshalb eben. die regierung fuerchtet uns. aerzte duerfen in diesem land in dem 70% der menschen analphabeten sind nur die besten eines jeden jahrgangs werden. wir sind also die intellektuelle elite und gleichzeitig am naehesten an den problemen der menschen. an den elementarsten problemen, denen der gesundheit. koennen diese halbwegs befriedigt werden ist die regierung in den augen der bevoelkerung erfolgreich.

j:ich verstehe den zusammenhang zur furcht der regierung vor den aerzten bzw. die daraus erwachsende konsequenz auf das wohlbefinden der aerzteschaft nicht ganz.

o:nun, einmal sind wir eine gefahr in den augen der maechtigen weil wir so nah an jenen sind die ueber ihre macht zu entscheiden haben und aus diesem grund einfluss ausueben koennen.
zum anderen ist der erfolg der regierung in den augen der bevoelkerung, wie zuvor erwaehnt, untrennbar auch mit dem der aerzte verbunden. und um diesen sicherzustellen zwingt die regierung der aerzteschaft ihren willen auf. zwang ist immer leichter als dialog…das zumindest glaubt unsere regierung.

j:wie tut sie das?

o: seit kurzem gibt es beispielsweise ein gesetz das ausgebildeten aerzten fuer 6 jahre ihr diplom verweigert. so wird es diesen unmoeglich gemacht ins ausland zu gehen oder fuer auslaendische organisationen zu arbeiten. so kann die regierung diese jungen aerzte jahrelang zwingen zu ihren konditonen zu arbeiten…meist auf dem land und fuer weniger als 100 dollar im monat.
ausserdem setzt die regierung durchweg jene auf den chefsessel- der universitaet, der klinik, der einzelnen abteilungen- die ihr gegenueber loyal sind. und das sind meist die groesseten opportunisten und gleichzeitig die kleinsten geister.
und mit ihrer unueberschaubaren und jeglichen sinn missenden verbuerokratisierung jedweder entscheidung – und sei sie noch so klein- sorgt sie dafuer das einem jeden der auf legalem weg veraenderungen herbeifuehren mochte die motivation schon im ansatz genommen wird.

j:was die buerokratie und die mir bekannten leitenden angestellten der hiesigen universitaet betrifft, so kann ich nur zustimmend nicken. aber was soll ein land denn tun dem die aerzte davonlaufen wenn es sie nicht zum beleiben…zwingt?

o:zuerst natuerlich fuer eine fuehrung sorgen die nach kriterien der qualitaet ausgesucht wird. niemand, besonders nicht jene die faehig sind und aus diesem grund die wahl haben, will sich durch eine opportunistische und nur an sich selbst bzw. ihrer verbindung nach oben interessierten leitung die zukunftsperspektiven , seien diese nun egoistischer oder altruistischer natur, stehlen lassen. das gefuehl etwas erreichen zu koennen ist nun mal quell aller motivation…hier wie sicherlich auch in deinem land
im weiteren: unser land gibt eine halbe billion dollar im jahr aus um unsere brueder in eritrea zu bekaempfen. die politiker fahren dicke autos und liegen an ihrem privaten swimmingpool…unser land mag ein armes sein, aber ich sehe da dennoch viel spielraum um den wichtigsten berufsstand des landes ein stueck weit zu mehr zufriedenheit und dadurch auch leistungsniveau zu verhelfen.
fuer mich steht fest: durch zwang erreicht man allerhoechstens widerwillen und untergraebt die motivation des einzelnen. wenn der arzt ein guter ist dann wird er spaetestens, sobald er sein diplom in haenden haelt , das weite suchen statt sich weiter fuer dumm verkaufen zu lassen und sich dem befehl jener unterzuordnen die weniger qualitaet, weniger geist und weniger rueckgrad haben.

j:ich will gerne glauben das auch ein guter teil der probleme von seiten der politik verursacht sind…von jener des landes ebenso wie der universitaetsinternen. aber rechtfertigt das , das aerzte und pfleger , die immerhin noch weitaus mehr als der durchschnitt der bevoelkerung (100 dollar pro jahr) verdienen , schlicht ihre arbeit verweigern und die schuldfrage vollkommen externalisieren.

o:was sollen wir den tun?

j:ich sag mal ganz unverschaemt: eure arbeit. und aktiv um eine verbesserung der zustaende kaempfen statt schlicht beides zu vernachlaessigen: die arbeit wie auch den politischen „kampf“. denn trotzige verweigerung ist doch fuer alle seiten der schlechteste weg…

o:du magst schon recht haben. aber in einem so hierarchischen system wie dem unseren steht und faellt alles mit dem mann an der spitze. wenn dieser nicht arbeitet bzw. zur arbeit gar nicht erst erscheint dann tut auch sonst niemand etwas. und wenn der chef nur privatpatienten die gut bezahlen bedient dann tut das auch jeder andere.
und was das kaempfen angeht: das ist immer leicht gesagt. aber in unseren land ist kaempfen gefaehrlich. man geht dafuer schnell ins gefaengnis, verliert alles was man hat und vielleicht schlimmeres…eine andere meinung zu haben wird nie belohnt. weder beim aufwachsen in der familie, noch in der schule , noch im spaeteren leben…ich glaube die meisten kaemen nicht einmal auf diesen gedanken.
gerade wenn man einmal eine gewisse position und stellung hat ist es immer viel leichter irgendwo sein loch und seine niesche zu finden.

j:gibt es denn keine gesetzte die unterlassung bestrafen, keine qualitaetskontrollen die erbrachte leistung und deren niveau ueberpruefen?

o:nun, auf dem papier gibt es das alles, aber papier ist bekanntlich ja geduldig. ausserdem: wer sollte den die leistung eines arztes ueberpruefen? sein selten anwesender oberarzt? und selbst wenn dies geschaehe: wie soll man denn einen arzt bestrafen in einem land das es sich nicht leisten kann noch mehr aerzte zu verlieren? soll man ihm vielleicht das magere gehalt entziehen und so dafuer sorgen das er fortan gaenzlich schwarz arbeitet? ausserdem ist der zusammenhalt unter uns paar ethiopischen aerzten recht gross und der eine wird den anderen sicher nicht fuer einen fehler oder eine unterlassung zur verantwortung ziehen dessen bzw. derer er sich selbst regelmaessig schuldig macht.

j:und wie sieht es mit den pflegern aus…haette denn ein arzt nicht die moeglichkeit diesen beinen zu machen damit wenigstens ein mindeststandard an hygiene und angemessener krankenversorgung gewaehrleistet waere.

o: also, das setzt vieles vorraus:
1: ein gefuehl des arztes fuer diese mindeststandards und seinen willen, dafuer verantwortung zu uebernehmen, sprich arbeit zu leisten und sympathien zu opfern.
2: die regelmaessige anwesenheit des arztes
3:grosse autoritaet oder zumindest irgendetwas sonst womit die pflegerschaft unter druck gesetzt werden koennte oder, viel besser, etwas womit man die pfleger zu leistung motivieren koennte
4:die aussicht auf ersatz fuer einen entlassenen pfleger

j:wie koennte man die pfleger den beispielsweise motivieren?

o:wie immer: mit geld…

j:…und wenn dieses fehlt?

o:es fehlt nicht…kuerzlich hat die universitaet das gehalt der sekretaerinnen auf 80 dollar monatlich angehoben waehrend das der pfleger weiterhin unter 50 dollar liegt. und das obwohl diese sowohl die heartere und gefaehrlichere arbeit haben als auch hoeher qualifiziert sind….aber so schoen mit dem hintern wackeln wie die jungen sekretaerinnen koennen sie halt nicht, sie sind ja im schnitt auch schon doppelt so alt…

j:oft sehe ich wie patienten die an hochinfektioesen krankheiten leiden im krankenhaus neben solchen liegen deren immunitaet meist aufs aeusserste supprimiert ist.
auch scheint es gang und gebe zu sein das herrscharen von familienangehoerigen tag und nacht die station bevoelkern und so, ohne jede vorkehrung, auch noch ihre keime von einem bett zum naechsten tragen. und das auf einer station auf der fast nur aeusserst kritische, an aids erkrankte patienten liegen.
koennte man denn nicht wenigstens an solcher stelle durch die einfuehrung und durchsetztung bestimmter regeln eine besserung der patientensituation herbeifuehren?

o:zuallererst braeuchte man dafuer natuerlich wieder personal das solche regeln, die ja bestehen, durchsetzt. dann muesste sich die kultur unseres landes in dem es normal ist tag und nacht am und auch im bett des erkrankten zu verbringen um diesen nicht alleine zu lassen aendern.
und was die isolation hochinfektioeser angeht: dafuer fehlen ganz einfach die raeumlichkeiten.

j:was die raeumlichkeiten angeht…drueben im administrationsgebaeude sind sechs praktisch nie benutzte bueros. des weiteren gibt es auf dem campus noch x unbenutzte raeumlichkeiten und haeuser. auch das aufbauen von zelten wie beispielsweise das kalar azar zelt vor der tuer erscheint mir eine einfache und billige moeglichkeit um ein solches ziel zu erreichen…!?

o:den vorschlag mit den zelten kannst du ja mal unseren chef machen.
was die leerstehenden bueros angeht: die gehoeren alle senior aerzten und die werden dir einen vogel zeigen wenn du einen solchen vorschlag machst. genauso sieht es mit allen weiteren raeumlichkeiten aus…egal ob die schon seid jahren leer stehen oder nicht…sie dienen alle einem anderen zweck , als den patienten , die dem krankenhaus sowieso schon auf der tasche liegen, auch noch eine einzelunterkunft zu gewaehren. und: waehre dort das sterben an aids nicht noch elender weil einsamer…

j:wenn die aerzte schon alle so zusammenstehen wie vorher erwaehnt, sollten sie dann nicht zumindest verantwortung jenen gegenueber zeigen die solche werden wollen oder es bereits sind aber noch wenig erfahrung haben.

o:wie meinst du das?

j:ich beobachte zum beispiel oft , das es einem beachtlichen teil der aelteren und erfahreneren aerzte bei der visite oder morgenbesprechung offensichtliche freude bereitet, sich ueber die fehler der anfaenger lustig zu machen. da wird dann ein witz gemacht, gelacht und darueber vergessen den intern zu korrigieren…was ja auch dem dahinter stehenden patienten zu gute kaeme…

o:sicherlich hast du an diesem punkt recht. aber da ist unser land und unsere kultur noch nicht soweit. hat man einmal eine gewisse position erreicht so ist den meisten das wichtigste diese zum einen auszukosten und zum anderen zu verteidigen .
und schau, viele der „erfahreneren“ aerzte sind ja selbst gerade mit dem studium fertig, oft nicht viel aelter als 25. die erkennen vielleicht einen fehler aber sind sich doch nicht sicher wie es richtig zu machen ist. und bevor sie da etwas falsches sagen und so vielleicht gar den respekt der untergebenen einbuessen , lachen sie halt lieber oder wechseln das thema. oder ueberlassen es dem chef, sobald dieser wieder einmal da ist, die dinge zu korrigieren. man kann dann ja immer noch sagen man haette es den interns aufgetragen…schuld und verantwortung nach oben oder unten zu dirigieren ist ein recht verfuehrerisches system. man kann da mit wenig einsatz doch recht weit kommen, ja, man kann richtig gut darin werden. und wird man das so wird man in unserem land auch noch dafuer belohnt.

j:ganz ehrlich, das klingt alles sehr hoffnungslos und desillusionierend..

o:(lacht) das ist es auch. was dachtest du denn…du bist hier in dem land fuer das sich niemand ernstlich interessiert, nicht mal die eigenen einwohner…die interessieren sich fuer sich und ihre familien, im besten fall noch fuer enge freunde…du bist hier in ethiopien.

j:danke fuer das gespraech…ich weiss gerade auch nicht so recht was ich noch fragen soll…

Gespraech am Abend

liebe freunde
ich stelle euch im folgenden meinen freund skandr vor. er hat vor kurzem erfahren das er aids hat.kuerzlich trafen wir uns zu einem abendlichen gespraech ueber seine erkrankung…

skandr…meinen namen kennst du ja schon. nun, ich bin 32 und fuehre seit einigen jahren das hotel meines nun 80 jaehrigen vaters unter mithilfe meiner geschwister. es ist das ethiopia hotel . wir haben 2o betten, eine kneipe und ein restaurant.meine mutter ist seit 25 jahren tot…willst du noch mehr wissen?

josef: in der tat…wenn es dir nichts ausmacht wuerde ich gerne auf deine gesundheit zu sprechen kommen. du weisst ich bin intern in der uniklinik und du kannst dich auf meine verschwiegenheit verlassen.

s:…in ordnung…ich hab mir schon so was gedacht…vielleicht kannst du mir ja helfen wenn du wieder in deinem land bist…

j:je nach dem,wenn ich was fuer dich tuen kann werd ich das versuchen… verzeih also meine direktheit, skandr, aber eine tbc ist in deinem alter eher selten…steht eine aids erkrankung dahinter?

s: ja…ich habe es erst vor 5 monaten erfahren. einige wochen zuvor begann ich mich ploetzlich krank zu fuehlen, ich hatte keinen appetit mehr, hab immer oefter gehustet und innerhalb weniger wochen 25 kg abgenommen, so schnell konnte ich gar nicht schauen. ich bin dann in die uniklinik und hab mir blut abnehmen lassen. meine CD-4 helferzellzahl war bei 30 (normal mehr als 1000) und die aerzte haben mir gesagt das es der retrovirus ist und ich unbedingt meine tuberkulose behandeln lassen muesse. na ja, ich hab mich dann nach addis (addis ababa d.r.)fahren lassen

j: warum nach addis?

s:du muesstest doch wissen das man nach gondar nur zum sterben kommt. zumindest wenn die aids krankheit schon soweit fortgeschritten ist wie in meinem falle. ich habe das glueck das meine familie ein wenig geld hat und mir die behandlung in einem privaten krankenhaus finanzieren konnte.

j: was ist dort passiert und wie hat man dich behandelt

s: behandelt haben sie mich gut. wir waren zu 5t in einem zimmer und die laaken wurden alle 3 tage gewechselt. die pfleger wie die aerste haben sich gut gekuemmert und die zimmer waren sauber. ansonsten weiss ich nicht mehr viel. ich war 6 wochen stationaer und die haelfte davon bewusstlos. aber jatzt fuehl ich mich wieder bestens

j: wirklich

s: ja , echt. ich war und bin stark. an leib und seele, ich seh das alles so positiv wie irgend moeglich.das sollte wohl so sein, jeder hat sein schicksaal….und ausserdem, ich habe keine angst vor dem tod.

j: wirklich nicht…sei mir nicht boese, ich bin ja froh wenn du so klasse damit umzugehen verstehst, aber ich an deiner stelle waere gelindegesagt schockiert wenn ich ploetzlich mit solch einer diagnose leben muesste.

s: nein, ich bin stark. man muss die krankheit positiv sehen…

j:aber gibt es denn gar keine probleme?

s:nein, das leben geht weiter. sieh mich an, ich bin der selbe wie vor einem halben jahr

j: ist es denn fuer leute die nicht so stark sind wie du auch kein problem mit der krankheit umzugehen und zu leben?

s: was denkst du… es ist ein grosse problem. du bist alleine, du kannst mit niemandem darueber sprechen, nicht mal mit deiner familie, die stossen dich aus. aids ist in meinem land stigmatisiert, wenn du aids hast gehoerst du nicht mehr dazu.

j: wie sieht es mit deiner familie und deinen freunden aus?

s: meine familie weiss es, aber die koennen nicht viel machen, ich leite ja das hotel und sie brauchen mich. freunden habe ich es nicht erzaehlt…du bist der erste…versprich mir das du es fuer dich behaelst.

j:mach dir darum keine sorgen. mich verpflichtet ja das arztgeheimnis…aber wenn du nichts dagegen hast dann teile ich deine geschichte mit freunden in meinem land

s:oh, das ist kein problem, dahin komme ich ja sowieso nie

j:wie geht es nun fuer dich weiter…hast du kinder oder familie?

s: nein, hab ich nicht. aber ich hoffe natuerlich das es bald soweit ist…mir fehlt nur noch eine freundin

j; wird es denn leicht sein eine solche zu finden oder moechtest du deine krankheit verheimlichen

s:nein, ich bin nicht wie die anderen. ich werde dazu stehen

j: glaubst du nicht das das ein problem ist?

s:nun, ein gesundes maedchen werde ich sowieso nicht bekommen wenn ich ihr mein geheimniss verrate. aber es gibt hier rubriken in der zeitung. da koennen positive positive treffen. auuserdem habe ich gehoert das auch positive gesunde kinder bekommen koennen wenn die frau bestimmte medikamente waehrend der schwangerschaft nimmt.

j:nun, ich bin kein spezialist auf dem gebiet aber soweit ich weiss hast du recht…ich denke es ist eine sache des geldes…

s:in dieser beziehung hab ich wirklich glueck…das hotel macht mich zwar nicht reich aber ich hoffe doch das es fuer eine behandlung in einem solchen falle reicht

j:wie teuer ist deine behandlung im moment, du nimmst docht sicher art (antiretrovirale therapeutika)

s:fuer die behandlung in addis musste ich bezahlen, die art bekomme ich kostenlos. das bezahlt die regierung.

j:das ist natuerlich gut, hab ich nicht mal gewusst…wie sieht es perspektivisch aus bei dir

s:na, sagte ich ja schon…heiraten,familie, in gondar bleiben und das hotel leiten. leben bis ich sterbe…wer weiss schon wann die stunde schlaegt, mit virus oder ohne…alles genauso wie bisher. und auf ein gelegentliches bier will ich auch nicht verzichten.

j;willst du eines, ich lad dich ein!

s:auf jeden fall, aber das naechste mal bist du mein gast in unserem restaurant

j:schmeckt die injiera da genauso gut wie hier

s:probieren….

fahrt aufs land

es ist ein morgen wie die meisten hier im hochland: kristallklar die luft unter einem bis auf ein paar wenige wolkenfetzten makellos hellblauen himmel . und waehrend die ersten bauern ihre schwer bepackten esel vor sich her in richtung markt treiben, laufe ich in gegenrichtung dem krankenhaus entgegen.
ich beschleunige meine schritte denn um 7 uhr wollen wir auf dem weg nach d‘ata, einem kleinen dorf etwa 2 stunden suedoestlich von gondar sein.
heute naemlich, wie an einem jeden anderen donnerstag auch , verlaesst ein landrover unsere klinik und bricht zu einem tagestrip in eines von mehreren zwischen 50 und 200km (1-4 stunden) entfernten doerfer auf , die wir rotierend und im abstand mehrerer monate mit einem team von aerzten und pflegern besuchen.

als ich die klinik kurz vor 7 erreiche haben die beiden pfleger, tadesse und yohannes, das auto bereits beladen. neben medikamenten finden sich auch eimer und leere kanister im kofferraum des autos. diese sollen auf bestellung einiger klinikangestellter mit butter , honig und milch gefuellt werden, denn die wahre ist auf dem land nicht nur besser sondern auch billiger.
hauptgrund unserer reise ist allerdings und wie jedesmal der besuch chronisch an herz, diabetes oder (epileptischen) anfallsleiden erkrankter.

nach einigen gespraechen, der erst heiss diskutierten und schliesslich gewonnenen einsicht das wir ohne reservereifen nicht losfahren sollten und einigem warten auf frau dr. chittay sind wir, den fahrer mitgezaehlt zu 5t, schliesslich und kurz nach 1/2 9uhr auf dem weg in richtung des ungefaehr 2 stunden feldweg entfernten d‘ata.
schnell haben wir das geteerte stueck strasse hinter uns gelassen und wir fahren hinein in jenes ethiopien das von 80% der bevoelkerung bewohnt wird: das der bauern. jenes weite und an vielen orten kaum oder nicht erreichbare land von dem auch die einheimischen nur wenig wissen. ein land an dessen lebensweisse jahrtausende kaum eine veraenderung vorgenommen haben.
jetzt, kurz nach ende der regenzeit ist das ganze land gruen und ueberall bluehen die gelben masqual blumen.
auch wenn sich das auge an der sanftheit dieser inzwischen nicht mehr wie am morgen hell- sondern nun azzurblau ueberspannten farben erfreut, so sind die folgen der vergangenen regenzeit doch ueberall und deutlich zu sehen:
in einem land in dem fast aller wald gerodet ist und die gewaltigen und seit menschengedenken mit teff (einer nur sehr oberflaechlich wurzelnden hirseart die grundlage der hiesigen ernaehrung ist) monokultivierten flaechen kaum schutz vor erosion bieten, gehen in einer jeden monsumseason milliarden tonnen wertvoller erde verloren. und darunter findet sich weiter nichts als der stein der sich etwas weiter im norden 4500 meter hoch auftuermt.
und so bieten sich dem auge allerorts von tiefen schneissen und ploetzlichen abbruechen durchzogene berghaenge die auf den ersten blick vermuten lassen man haette terassen auf ihnen angelegt. doch die scheinbaren stufen verraten nur den verlust der erde in vergangenen regenzeiten.

und ueberall menschen: kinder die rinder und ziegen hueten, frauen und maenner die, oft schwerst bepackt, von dorf zu dorf oder vom feld nach hause oder von zu hause zum feld unterwegs sind und andere, die wie einst jonas, unter halb vertrockneten bueschen schutz vor der an intensitaet gewinnenden vormittagssonne suchen.
angebundene kuehe die im kreis um einen pfahl laufend das unter ihren hufen ausgebreitete getreide dreschen, kuehe die die erde mit einen baumstamm pfluegen an dessen unterer seite ein pflog befestigt ist, gefolgt vom bauern der muehevoll versucht den stamm in der spur und das tier auf trab zu halten. eselchen die am wegrand grassen oder schwer bepackt, gepeitscht und schwitzend vor ihren herren einhertraben.

und so vergehen die 2 stunden bis zur ankunft in d‘ata wie im flug, gebannt von dieser zeitlosen und elementaren welt die auch nach 3 monaten noch keinen deut ihrer faszination eingebuesst hat.
bevor wir vor dem oertlichen gesundheitszentrum halten- ein bis auf stuhl und tisch leerstehendes gemaeuer das diesen namen traegt- noch ein kurzer stopp auf dem oertlichen markt: vor kleinen haeufchen aus maiskolben und kartoffeln, gehacktem holz, gewuerzen, getrocknetem und gestapeltem kuhdung und plastikeimerchen voller honig ,sitzen alte weiber unter regenschirmen (die nicht vor regen sondern sonne schirmen), begleitet und umringt von kinder, geduldig auf ein kleines geschaeft harrend.
meine begleiter steigen aus um sich ein paar maiskolben zu kaufen und ich folge ihnen um mir die von der holprigen fahrt schmerzenden glieder auszuschuetteln. keine minute spaeter stehen heerscharen von kindern, mindestens 50 so meine schaetzung, mucksmaeuschenstill und mit offenen muendern um mich herum und betrachten mich, das seltsame weisse wesen mit den blauen augen im haarlosen schaedel.
ich haette mir die grimasse sparen sollen ,deren ziel, das andaechtige schweigen meiner betrachter zu brechen ich mehr als nur erreiche: in den minuten bis zu unserer weiterfahrt schneiden mir die inzwischen muehelos 70 um mich versammelten kinder unter lachen und prusten grimassen aller art. international- altbekannte wie auch regionale und noch nie gesehene.

am gesundheitszentrum warten etwa 80 patienten. die herzpatienten um die ich mich heute zusammen mit dr. chitay kuemmere sind entweder vornehmlich junge (15-35) mit herzklappenfehlern aller art oder aeltere mit bluthochdruck. ich nehme ihren puls und blutdruck, pruefe die beine auf oedeme und leihe mein ohr der oder den defekten herzklappen. ist alles wie beim letzten besuch so behalten wir die medikation bei, ansonsten erhoehen oder erniedrigen wir sie oder aber, und dies ist meist der fall, folgen mit unseren empfehlungen dem was uns die meist wenig gefuellten geldbeutel unserer patienten erlauben.
wir verschreiben fuer die naechsten 3 monate, aber vielen fehlen beispielsweise die umgerechnet 50 cent fuer die basismedikation zur behandlung des bluthochdruckes.
viele der medikamente sind solche die in europa seit jahren nicht mehr verschrieben werden.
dr. chitay erzaehlt mir von dem von ihr ins leben gerufenen und begleiteten projekt der medizinischen betreuung der landbevoelkerung in gondars naeherer umgebung durch speziell ausgebildete pflegekraefte . die universitaet haette vor jahren mit der ausbildung des notwendigen personals begonnen und und dabei den fokus vor allem auf die haeufigsten chronischen und rezidivierenden erkrankungen gerichtet: diarrhoe, bluthochdruck und herzrhythmusstoerungen, epilepsie und diabetes.
so gut die idee auch gewesen sei, praktisch alle ausgebildeten pfleger haetten innerhalb meist kuerzester zeit das weite gesucht und seien in die stadt, bevorzugt nach addis ababa, abgehauen. dort lockten mehr geld und unterhaltung.
uebriggeblieben sind jene gelegentlichen besuche teil derer ich heute bin. dr. chitay ist immer wieder so liebenswuerdig mir ihre gespraeche mit den patienten zu uebersetzen. sie moegen fast durchweg analphabeten sein, ihre welt ausserhalb eines radiuses von wenigen tagesmaerschen noch nie verlassen haben und kaum zugang zu informationen haben deren ursprung ausserhalb diese radiuses liegt, dennoch: sie sind menschen und patienten wie man sie an jedem ort dieser welt erwarten wuerde. wenn auch viele, nicht alle, mit einer sehr viel hoeheren leidensfaehigkeit ausgestattet sind und sich dem arzt nicht mit der erwartung sondern nur der hoffnung auf hilfe vorstellen.
aber wie sollte es anders sein? haette man in diesem land mehr als die schuechterne hoffnung so waere man weiter nichts als seines eigenen unglueckes schmied… dies zumindest die lehre welches das leben den menschen hier immer und immer wieder erteilt.
drei stunden spaeter haben wir alle patienten gesehen und machen uns auf den weg zurueck in die stadt. waehrend wir von der choleraepidemie die in den letzten wochen angeblich schon hunderte wenn nicht tausende leben gefordert haben soll nichts gesehen noch gehoert haben, ist dr. chitay besorgt aufgrund des heute gesehenen knappen dutzend patienten die allen anlass geben eine manifeste aids erkrankung zu vermuten.
das die offiziell 8% hiv infizierter in ethiopien wohl zu optimistisch angesetzt sind , daran hat sie schon lange keine zweifel mehr. aber auf dem vermeintlich weniger durchseuchten land eine solche menge wahrscheinlich manifest erkrankter in einem solch geringen kollektiv zu finden, das gibt gibt jeden anlass zu befuerchten das die tatsaechliche praevalenzrate der erkrankung mit den genannten 8% in keinerlei zusammenhang steht.
und so fahren wir wieder nach hause waehrend mir frau dr. chitays worte durch den kopf gehen. worte einer bewundernswerten und aeusserst engagierten frau. einer frau die zweifellos zu den engagiertesten und faehigsten aerzten ihres landes gehoert. ein land in dem es weniger als 3000 aerzte fuer 70 millionen menschen gibt. ein land dessen mehrheit wahrscheinlich noch nie einen arzt gesehen hat.
ein esel am wegrand laesst mich laecheln, denn ploetzlich wird mir der wahnwitz unserer heutigen reise bewusst und die rolle die ich als dr. chitays assistent darin spielen durfte: auf dem lahmen esel meiner noch so geringen aerztlichen faehigkeiten war ich heute ihr sancho panza waehrend sie mutig und eifrig auf dem schaebigen pferd, der klapprigen rosinante ihrer fehlenden moeglichkeiten gegen die windmuehlen sich ausbreitender krankheiten angeritten ist.

einblicke

meine lieben,

ein toter saeugling wird in ein verdrecktes leinentuch gewickelt und sodann in hohem bogen in eine 3m entfernte kiste geworfen.

um eine sterbende junge frau stehen mehrere pfleger und deren 2 weinende minderjaehrige kinder. sie ist tief bewusstlos, in rueckenlage und erstickt an ihrer eigenen zunge, waehrend die, die wissen muessten, das eine drehung des koerpers zur seite die frau wieder atmen liese, zusehen.

ich koennte seiten mit solchen beschreibungen fuellen, doch dies ist nicht motivation meines schreibens.

ich denke in diesen tagen oft an den herbst 1998 als der hurrican mitch das land honduras so schwer in mitleidenschaft zog. viele tausende starben, 100000de verloren ihre haeuser und ein ganzes zuvor schon armes land lag umso schlimmer am boden.

doch es ist nicht das leid, das meine erinnerung an jene wochen und monate beherrscht, die ich selbst unversehrt erleben und ueberleben durfte. es sind erinnerungen an eine demonstration menschlicher courage und aufopferungsbereitschaft zum wohle vieler, die mich als residuum jener zeit bis heute begleiten und stuetzen.

ich muss annehmen, das ich tief in mir ein vergleichbares erleben erwartet habe als ich in den flieger in dieses mit aermste aller laender stieg.erwartet, das mir hier das hoffnungsgebende erleben hervorstechender menschlichkeit als antipode zur extremen reduktion der verfuegberen mittel zuteil wuerde…sozusagen als fackel in der nacht sonst herschender hoffnungslosigkeit.

und nun erlebe ich hier eine demonstration menschlicher hilflosigkeit und, schlimmer noch, indifferenz. dennoch, ich bin froh um diese erfahrung, denn ich bin nicht hergekommen, um meine eigenen hoffnungen und idealvorstellungen erfuellt zu sehen, sondern um der wahrheit ins auge zu sehen. und wer moechte dieser verdenken, dass sie nicht dem eigenen wunschbild entspricht. hilfe beginnt mit der betrachtung der realitaet – sowohl im bezug auf sich selbst als auch auf alles andere.

mitzuerleben, dass menschen hier wie fliegen sterben ist die eine sache mit der man unter den gegebenen umstaenden klarzukommen hat. zuzusehen, wie dem damit verbundenen leiden oft tatenlos begegnet wird aber bedeutet soetwas wie in einem alptraum zu erwachen, denn es bedroht das wertvollste an das man glaubt: das spaetestens im angesicht des leidens zum vorschein kommende gute im menschen.
entsprechend war meine erste, vor allem emotionale reaktion.

inzwischen sind meine gefuehle wieder unter die kontrolle des ueber ihnen trohnenden kopfes gekommen und ich habe begonnen die gruende fuer diese teilweise so eklatante indifferenz zu suchen. dies ist allemal besser als empoert schuld zuzuweisen und den eigenen illusionsverlust zu beklagen. war ich nicht lange genug in der dritten welt, um zu wissen, dass armut in den seltensten faellen humanisten produziert (reichtum, dies sei fairerweise gesagt, wohl ebensowenig)?

ich stelle mir die frage,, wie ich denken, fuehlen und handeln wuerde, wenn ich in diesem land, in dem die armut und das elend aus jedem knopfloch schaut, aufgewachsen waere. eine generationenalte knappheit fast aller mittel im verlauf derer die hoffnung auf besserung laengst verloren gegangen ist. wie soll man etwas erhoffen, das man sich nicht einmal vorstellen kann?

ich frage mich, wie ich mit dem leid anderer umgehen wuerde wenn mich die ansicht des selben vom ersten tag meines lebens an begleitet haette. was wuerde mir der tod fremder bedeuten wenn jener der mir nahestehenden schon fast alltaeglich waere? wo waere mein glaube, dass sich jede situation verbessern laesst, wenn ich immer nur die graduelle verschlechterung bezeugt haette, und wo meine ueberzeugung, das leben in die eigene hand nehmen zu koennen, wenn mir die perspektiv- und mittellosigkeit diese haende laengst abgehackt haette?

und waehrend mir das so durch den kopf geht wird mir klar, dass die menschen, die ich gerade noch verurteilen wollte sich immer noch bewundernswert viel menschlichkeit erhalten haben. und dass sie tatsaechlich der hilfe beduerfen und zwar einer, die weit ueber die materielle hinausgeht, dass ausserdem das gewaehren solcher hilfe weit mehr von einem fordert als reines gutmenschentum, das bei der ersten enttaeuschung desillusioniert den rueckzug antritt. hier zu arbeiten ist eine aufgabe die einem alles abfordert, zuallerst die bereitschaft den eigenen perspektivwechsel zu wagen, mitunter auch eigene massstaebe und ueberzeugungen hintenanzustellen und die augen und ohren weit zu oeffnen. auch die dinge zu verstehen welche zu verstehen man sich eigentlich weigern moechte.

was es bedeutet hier zu arbeiten?

es bedeutet mit 3 anderen interns=pj studenten fuer 60 ueberwiegend kritische patienten zustaendig zu sein. fast alle davon haben aids im letzten stadium und was wir tun koennen ist ihnen das sterben weniger leidvoll zu gestalten. leider ein aspekt, ueber den hier bisher eher wenig nachgedacht wurde.

einmal, manchmal ein zweites mal die woche kommt ein facharzt zur stationsvisite vorbei. hat eine patientin einen schoenen busen wird sie auch mal ausfuehrlich untersucht.

die meisten patienten kommen ob des langen weges zum krankenhaus viel zu spaet und sterben dann noch schnell bei uns. kaum einer der toten ist aelter als 40.

3mal woechentlich treffen wir interns zur morgenbesprechung ein paar fachaerzte. die meisten davon maenner mit ausgepraegtem standesbewusstsein und geltungsbeduerfnis, das den leicht einzuschuechternden aethiopischen interns gegenueber hemmungslos ausgekostet wird. waere da nicht frau doktor chitay, die jeden der alpha maennchen in die schranken zu weissen versteht und tatsaechlich zum uneingeschraenkten wohl der studenten und patienten auftritt…

liebe freunde, was ich hier schreibe klingt negativ und ist es auch. aber es soll nicht grund meines schreibens gewesen sein, diesen ort und seine menschen schlecht zu reden. diese menschen sind kein bisschen schlechter als unsereiner, die allermeisten sogar sehr viel tapferer und selbstloser, wenn auch nicht unbedingt in den teilen der gesellschaft, deren status sich von der breiten masse abhebt.

und natuerlich gibt es gruende fuer die hiesigen zustaende und zwar auch solche, die in tradition, geschichte und kultur des landes selbst begruendet liegen und nicht nur in der ungerechtten verteilung der gueter dieser welt.

und weil es notwendig ist sich damit auseinanderzusetzen, bin ich hier. und ich bin unheimlich dankbar fuer diese herausforderung, die mir viel und wertvolles lehrt. beim naechsten mal wieder mit einem lobgesang auf abessinien…hoffentlich

euer josef

….JU….

Meine Lieben,

ich weiss nicht, ob es euch auch schon einmal so gegangen ist: ploetzlich seht ihr euch einem sachverhalt, einem faktum gegenueber, das offensichtlicher nicht sein koennte aber dennoch war es euch bis zu diesem moment ein ganzes leben lang nicht klar. und mehr noch: auch all den anderen, die euch umgaben war es nicht gegenwaertig.

so zumindest geht es mir dieser tage. und ganz besonders frage ich mich: kann es sein, dass selbst meine eltern das alleroffensichtlichste nicht wussten…oder haben sie mich all die jahre zum narren gehalten? JO haben sie mich genannt, freunde liessen im lauf der jahre ein JOE daraus werden.

und nun muss ich feststellen das ich kein JO bin, von einem JOE ganz zu schweigen.
ich bin ein JU. und jeder weiss es. jedes kind hierzuland weiss es als gaebe es nichts selbstverstaendlicheres. noch mit einem tuch auf dem ruecken der mutter festgezurrt, kaum wird das kleine wesen meiner ansichtig schon kommt es ihm, als waere die gewissheit schon in seinen genen verankert, leicht ueber die lippen: JU!

und all den anderen natuerlich auch.

Ju schallt es wenn ich morgends mein haus verlasse um mich auf den weg zur arbeit zu machen. JU von oben und von unten, JU von allen Seiten, JU von den balkonen und aus den taxis…

wisst ihr was: ich weiss etwas was keiner von euch weiss: nicht nur ich bin ein JU, auch ihr seid es. Moeget auch ihr nun zweifeln an dem was euch all die jahre so offensichtlich schien.

Was ein Ju ist:

ein JU ist ein gar seltsames wesen. und aus diesem grunde steht es immer und ueberall im mittelpunkt. aller auge richten sich auf es, es fesselt alle aufmerksamkeit und fokussiert diese auf einen einzigen, naemlich auf JU. wenn die kinder ein JU sehen, beginnen sie zu laufen um es genauer betrachten zu koennen. mehr noch: um es zu beruehren. ein JU hat weisse haut und ist anders als die meisten gekleidet. oft hat es auch augen seltsamer farbe und manchmal fehlen ihm sogar die haare auf dem kopf und kleben ihm stattdessen am kinn.

Ja, ein JU muss man einfach beruehren. immer und immer wieder. Wie fuehlt es sich wohl an? wie wird es wohl reagieren…egal wie, es ist immer ein grund zum lachen. wenn man schlechter dinge ist darf man auch mal ein steinchen nach einem JU werfen oder einfach ein boesses wort…wie zum Beispiel FOCK JU. aber fuer gewoehnlich ruft man einfach JU oder erkundigt sich einfach mit einem hoefflichen Ho RR JU nach dem befinden des fremden wesens. spass macht es aber ganz einfach auch, besonders wenn man jung und weiblich ist, in dem moment, in welchem ein JU um die ecke biegt, die beine in die hand zu nehmen und selbigem, juchzend und ekstatisch schreiend, entgegen zu stuermen um es zu umarmen oder zumindest abzuklatschen.

ja, meine lieben, so ist das wenn man ein JU ist. und vieles mehr wovon zu berichten mir gerade die zeit fehlt.

ein jeder weiss wer du bist, ein jeder kennt deinen namen und ein jeder kannte dich schon bevor du jemals fuss in dieses alte und eindeutig wissende, weisse, land gesetzt hattest.

nun, jetzt wisst auch ihr wer ich bin. und viel wichtiger noch: jetzt wisst auch ihr endlich wer ihr seid. nur die englaender wissen noch nicht das man YOU eigentlich JU schreibt und was (und vor allem wie viele) sich eigentlich alles hinter diesem wort verbirgt (verbergen).

lasst euch dennoch nicht aus der fassung bringen und seid lieb von mir gegruesst

euer JU aus Aethiopien

nachrichten aus der wiege der menschheit

meine lieben,

ich kam hierher und hatte keine ahnung was diese hier eigentlich ist. ich flog los und tat so ohne jegliches stereotyp, das hilfreich haette sein koennen das ziel meiner reise auch nur irgend greifbar zu machen. in meinen geistigen archiven fand sich nichts als“aermstes land der welt“ und „hungersnot“.

fast 4 wochen bin ich nun hier und ich weiss noch immer nicht wo ich bin. es ist nicht nur die anzahl der zurueckgelegten kilometer, die dieses land zu einem fernen land machen. dieser ort ist in fast jeder beziehung fern dem mir bekannten und er fasziniert mich wie mich nur aeusserst selten irgendetwas in seinen bann gezogen hat.

dieses uralte abessinien existiert in grossen teilen jenseits unserer zeit. dieser raum mit seinen computern ist eine der wenigen verbindungen in die 90er jahre des letzten jahrhunderts. vor seiner tuer liegen die vergangenen jahrhunderte, nein, jahrtausende.
es ist ein archaisches land. es ist ein kulturland ohnegleichen. es ist nicht zuletzt die wiege der menschheit.

als ob die zeit hier etwas anderes waere als bei uns. keine kette, in der sich die ereignisse und neuerungen aufreihen und gewesenes langsam im nebel entschwinden lassen. sondern eine wiederkehr des immer gleichen. ein grosses fass, in welches alles hineinfaellt um dann das immer gewesene und in seiner essenz immer gleiche zu bezeugen.

wenn ich am morgen zur arbeit laufe ist der wegrand gesaeumt von menschen und tieren. schwer beladene eselchen, getrieben von in weissen laken gewandten gestalten, von denen nur die nackten fuesse, die haende und die augen zu sehen sind. frauen mit tonkruegen auf dem kopf und kindern auf den ruecken gebunden. kuehe und schafe. kaffeduft steigt in die nase und kleine holzbaracken am wegesrand laden ein ihn zu geniesen.

die menschen: fast ausnahmslos sauber, die tuecher bluehendweiss. hoefflich, friedfertig, kultiviert. sie stroemen mir des morgends entgegen wie aus maerchen aus 1001 nacht. und ebenso wenn der abend kommt. den ganzen tag scheinen sie auf der strasse zu verbringen, um einen auftrag bemueht der eine mahlzeit sichert…schuheputzen, ein paar karotten oder kartoffeln verkaufen, irgendwem irgenwie fuer einen Birr zu diensten sein oder etwas zu ersteigern um es ein wenig teurer weiterzuverkaufen. fleissige menschen die immerzu auf ihre kleine chance warten.

leider ist meine zeit knapp und ich kann nur in einer ersten handvoll zeilen versuchen diese ersten impressionen wiederzugeben.

ich bin gut hier angekommen und moechte im jetzt auch nirgendwoanders sein als hier. hier im land von moslems, christen, juden und rastafari. hier im land in dem der nil seinen ursprung nimmt. in dem land der vielen voelker und ueber 80 sprachen…hat der biblische gott die babylonier hier ihre heimstatt finden lassen nachdem er ihre sprachen verwirrt und ihren turm zusammenbrechen lies? hier wo sich christliches und asiatisch hinduistisches brauchtum auf wundersame, unerwartete weise die haende reichen.

kauft euch ein buch ueber aethiopien und last euch ein wenig von mir anstecken. dies ist nicht nur eines der aermsten laender sondern auch eines der reichsten. hier hat man schon hoechste kultur gepflegt als wir germanen noch auf den baeumen sassen. und man pflegt sie immer noch waehrend wir die unsere schon wieder vergessen.

es geht mr grossartig. seid alle ganz herzlich von mir gegruesst,

euer josef



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Seit August 2006 bin ich in Äthiopien und arbeite als Arzt im praktischen Jahr auf einer AIDS-Station. Von hier schreibe ich, von hier stammen die Geschichten dieses Blogs.

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